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09.01.2008

10:40 Uhr

Presseschau vom 9.1.2008

Houdini muss gehen

VonDaniel Lenz

Die internationale Wirtschaftspresse begrüßt den Wechsel an der Spitze von Bear Stearns. Canoe Money sorgt sich um den kanadischen Schuldenberg. Le Figaro hält eine Vollbeschäftigung in Frankreich für möglich. El País ist stolz auf die Gleichberechtigung in Spanien. Fundstück: Ein Hoch auf die Schlabberhose von Manfred Schell.

Die » Zeit begrüßt den Rücktritt von James Cayne, des bisherigen Chefs der problembeladenen Investmentbank Bear Stearns, auf dessen Posten Alan Schwartz nachrückt. „Es sollte die Sorgen all jener dämpfen, die argumentieren, die Stützungsaktionen der Zentralbanken würden dazu führen, dass diejenigen, die für die Krise verantwortlich sind, ungestraft davonkommen.“ Je mehr Banken die Verantwortlichen zur Rechenschaft zögen, desto eher könnten die Währungshüter ihre für die Konjunktur so wichtigen Marktoperationen rechtfertigen. Klar sei jedoch auch, dass es bislang nur um reine Schadensbegrenzung gehe. „Wenn die abgeschlossen ist, muss eine Diskussion über die strukturellen Ursachen der Krise her“, fordert das Blatt. Und rekapituliert, dass der Finanzsektor Opfer seiner „eigenen, überdrehten Profitziele“ geworden sei. „Sie haben dazu geführt, dass ohne Rücksicht auf das Risiko immer mehr Rendite her musste – wenn das eigene Kerngeschäft nicht genug Gewinn hergab, hat man sich eben am US-Immobilienmarkt eingedeckt.“

Die » Times aus London hält den neuen Mann an der Spitze der Investmentbank Alan Schwartz für den „besten Mann für den Job“: Er sei seit 30 Jahren in der Firma, sei beliebt bei den Mitarbeitern, verfüge über Kontakte in die ganze Welt und sei – anders als sein Vorgänger – ein „Konsens-Bauer“. Das Hauptproblem, das Schwartz jetzt lösen müsse, seien weniger die juristischen Gefechte mit Aktionären, die Bear vorwerfen, in der Subprime-Krise nicht ehrlich gewesen zu sein, sondern der zu enge Fokus des Instituts: Bear habe sich zu stark im Hypotheken- und Verbriefungsgeschäft engagiert und spüre umso stärker jetzt die Auswirkungen der Subprime-Krise.

Die » New York Times erinnert an die gute Bilanz von Cayne, der in seiner 15-jährigen Regentschaft den Aktienkurs von 16 auf ein Hoch von 172 Dollar steigern konnte. Zwar seien viele Mitarbeiter Cayne für die Steigerung des Shareholder Value dankbar, Kritik ernte der bisherige CEO jedoch für sein eigenes großes Aktienpaket (sechs Prozent) und seine Alleingänge bei wichtigen Entscheidungen. Dies habe dazu geführt, dass Bear Möglichkeiten zum Zusammenschluss mit anderen Unternehmen verpasst habe – durch eine Fusion wäre das Institut in der aktuellen Situation auf den Finanzmärkten besser aufgestellt.

Die » Financial Times Deutschland wundert sich über den Zeitpunkt des Revirements, schließlich habe die US-Hypothekenkrise die Investmentbank als erste erwischt, und zwar besonders hart. „Dass Cayne sich so lange hat halten können, ist erstaunlich. Er ist der Harry Houdini des Boardrooms“, zitiert das Blatt Octavio Marenzio, Vorstandschef der Finanzberatung Celent. Dass Cayne trotz des größten Fiaskos in der 84-jährigen Geschichte von Bear Stearns so lange an der Spitze bleiben konnte, erklärt dich die FTD mit dem „puren Überlebens- und Kampfeswillen“ von Cayne. Und erinnert: „Cayne kann keinen Abschluss einer Eliteuniversität vorweisen, er verließ die Purdue University vorzeitig. Zuerst arbeitete als Vertreter und verkaufte Kopierer. Dann verschlug es ihn für sechs Jahre in den Schrotthandel, später spielte er professionell Bridge – um dann schließlich beim Brokerhaus Lebenthal seine Wall-Street-Laufbahn zu beginnen.“

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