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07.10.2011

08:12 Uhr

Presseschau

Was die Euro-Rettung mit einem Horrorfilm gemein hat

VonMidia Nuri

Mit Lob und Skepsis reagieren die Finanzjournalisten auf den Geldsegen der EZB für die Banken. Dieser Schritt allein werde nicht reichen, monieren manche. Die Sturheit beim Euro-Leitzins trifft daher auch auf Kritik.

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt. dpa

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt.

WiesbadenSie wüssten, dass etwas schlimmes passieren wir, wenn sich in einem Horrorfilm jemand entscheidet, einen Nachtspaziergang im Wald zu unternehmen, schreibt der Economist. „Das Äquivalent dazu ist in der Finanzwelt, dass ein Bankchef darauf beharrt, seine Institution sei komplett solide.“ Ob die Furcht von 2011 in eine neue Panik umschlagen werde, wie 2008? In einer vernünftigen Welt würden Politiker sicher nicht erneut den Fehler begehen, eine große Bank untergehen zu lassen, glaubt das Blatt. Und um die Eurozone gehöre eine Brandmauer.

„Das Problem mit dieser Lösung ist, dass die Europäer sie ausführen müssen“, unkt das Wirtschaftsmagazin. In der nun 18 Monate dauernden Schuldenkrise hätten die Eurozonenführer schiere Inkompetenz bewiesen. Diesmal werde eine fragmentierte Lösung einzelner Staaten nicht funktionieren. „Sobald wie möglich muss der Europäische Rettungsschirm EFSF den regionalen Banken Kapital zuschießen und die EZB den Banken zwei Jahre lang unbeschränkte Liquidität zusichern“, findet das Blatt. Doch während 2008 Regierungen den Banken einen berechenbare Halt geboten hätten, seien sie heute das Problem und die Hilfe der EZB sei beschränkt. „Das ist der wahre Horrorfilm.“

Der Plan der EZB, den Geschäftsbanken mit neuen Liquiditätshilfen unter die Arme zu greifen solle Europa vor einem erneuten Absturz in die Krise bewahren – und zeige zudem überdeutlich, wie groß diese Gefahr mittlerweile tatsächlich ist, ist dagegen die Financial Times Deutschland überzeugt. Um eine Liquiditätsklemme der Banken zu verhindern, drehe EZB-Präsident Jean-Claude Trichet den Geldhahn auf. Die Stoßrichtung sei klar: „Die Zentralbank übernimmt in diesen unruhigen Zeiten konjunkturpolitische Verantwortung.“ Mit Mitteln, die schlagkräftiger seien als etwa eine alleinige Senkung des Leitzinses, die flankierend durchaus noch folgen könne.

Die Instrumente der EZB

Veränderung des Leitzinses

Mit der Veränderung des Leitzinses reagiert die EZB in erster Linie auf die Inflation im Euro-Raum. Steigen die Preise deutlich, zieht die Notenbank die geldpolitischen Zügel in der Regel an. Höhere Zinsen verteuern aber auch Kredite. Daher können sie Gift sein für die lahmende Wirtschaft von Krisenländern wie Griechenland oder Portugal. Die EZB muss also die Inflation bekämpfen, ohne die Konjunktur in den 17 Mitgliedstaaten des Euro-Raums abzuwürgen. Die Zinspolitik ist normalerweise das herausragende Instrument der Notenbank. In Krisenzeiten greift sie aber auch zu unkonventionellen Maßnahmen.

Ankauf von Wertpapieren

Nach dem Ausbruch der Euro-Schuldenkrise 2010 hat die EZB die Notenpresse angeworfen, um im großen Stil Staatsanleihen von Euro-Krisenstaaten zu kaufen. Die Währungshüter reagieren damit auf steigende Renditen für Anleihen der Schuldensünder. Für Portugal, Irland, Griechenland und zuletzt auch für Spanien und Italien war es dadurch teurer geworden, sich frisches Geld zu besorgen. Nach dem Einschreiten der EZB sanken die Renditen. Die Notenbank hat derzeit Anleihen von Problemstaaten im Volumen von 156,5 Milliarden Euro in ihren Büchern stehen, die sie auf dem sogenannten Sekundärmarkt gekauft hat, also beispielsweise bei Banken. Die EZB lässt sich ihr Engagement verzinsen. Gehen die Länder pleite, bleibt sie aber zumindest auf Teilen ihrer Forderungen sitzen.

Liquidität

Seit dem Ausbruch der Finanzkrise vor drei Jahren versorgt die EZB die Banken großzügiger mit Geld als sonst. Sie stellt ihnen Kredite mit verschiedenen Laufzeiten zur Verfügung. Zuletzt drehte die EZB den Geldhahn wieder weit auf, weil die Kreditinstitute zögern, sich gegenseitig Geld zu leihen. Banken konnten sich für sechs Monate zum Leitzins von 1,5 Prozent so viel Geld borgen wie sie wollten (Vollzuteilung). In „normalen Zeiten“ sind die Laufzeiten kürzer und es wird nur eine festgelegte Summe versteigert. Daneben vergibt die EZB Darlehen mit kürzerer Laufzeit und mit begrenzter oder voller Zuteilung. Kritiker werfen der Notenbank vor, den Markt mit Geld zu fluten und damit neuen Finanzspekulationen Vorschub zu leisten.

Intervention an Devisenmärkten

Starken Wechselkursschwankungen können die Notenbanken mit dem Kauf oder Verkauf von Devisen begegnen. Die EZB setzte dieses Instrument im Jahr 2000 ein, als der Euro gegenüber dem Dollar einen Schwächeanfall erlitt. Im Kampf gegen einen zu starken Franken, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Exportindustrie belastet, hatte die Schweizer Nationalbank SNB erstmals seit mehr als 30 Jahren eine Obergrenze für den Frankenkurs eingeführt, die sie unter allen Umständen verteidigen will, indem sie Franken auf den Markt wirft und damit Euro kauft. Bei massiven Attacken gegen eine Währung können allerdings auch Notenbanken in die Defensive geraten. So wettete der legendäre Hedge-Fonds-Gründer George Soros im Jahr 1992 erfolgreich gegen das britische Pfund und zwang die Bank of England in die Knie.

Kommunikation

EZB-Präsident Mario Draghi ist äußerste Aufmerksamkeit gewiss, wann immer er sich äußert. Manchmal reicht schon die Andeutung, dass die Notenbank aktiv werden könnte, um Spekulationen beispielsweise auf den Devisenmärkten zu beenden. Zugleich ist die EZB bemüht, die Märkte mit ihren Zinsentscheidungen nicht unnötig zu überraschen. Die EZB will - zumindest für Finanzprofis - berechenbar bleiben, damit nicht starke Wechselkurs- oder Aktienkursschwankungen das Vertrauen der Bürger in die Gemeinschaftswährung Euro erschüttern.

Dass das Gespenst einer neuerlichen Kreditklemme bis auf Weiteres gebannt sein dürfe, sei zunächst ein gutes Signal für die Geldhäuser etwa aus den schuldenbeladenen Staaten wie Griechenland oder Portugal, die wegen der Risiken in ihren Bilanzen von anderen Banken kaum noch Geld erhalten haben und für die Unternehmen, die von den Instituten weiterhin mit Krediten versorgt werden können. Allerdings müssten die Banken auch wollen und ihre zusätzlich gewonnene Liquidität auch für Kredite einsetzen. Hier sieht die FTD den „Flaschenhals“.

Die vom IWF und anderen Finanzexperten geforderte Rekapitalisierung europäischer Banken hält L‘Expansion aus Frankreich für „unumgänglich.“ Selbst Deutschland gebe nun zu, dass einige deutsche Finanzinstitute nicht umhin kommen werden, ihr Eigenkapital aufzustocken. Und Olli Rehn habe angekündigt, dass die EU an einem Plan zur koordinierten Rekapitalisierung der EU-Banken arbeitete. „Der Wind dreht sich in Europa“, ist sich das Blatt sicher.

Dass das Thema Eigenkapitalaufstockung neue Bedeutung erhalten habe, liege auch an Dexia: „Die französisch-belgische Bank ist das erste offizielle Opfer der europäischen Schuldenkrise.“ Doch auch die anhaltende Liquiditätskrise, die weitere Abwertung der Kreditwürdigkeit Italiens durch Moody‘s, die drohenden Kosten aus einer möglichen Griechenland-Pleite und die schlechten Wirtschaftsprognosen setzten die Banken nun doch stärker unter Druck. 

Kommentare (5)

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Bruder-Helmut

07.10.2011, 09:32 Uhr

Horrorfilme laufen ab nach dem Drehbuch
Die Eurokrise ist genau so künstlich und wird nach Drehbuch der Illuminten gespielt.

Erst Europa zerstören
Dann aufkaufen

Alles verläuft auch hier nach einem PLAN von langer Hand. Das Ziel ist die totale entmüdigung des Bürger, gekoppelt mit eienr 100% Überwachung und alles so, wie man eben sich Sklaven hält. Wie früher in der DDR.

Aber, sie werden an ihrer Allmacht zerbrechen und sich überfressen.

Denn ############# WIR SIND 99% #############





Domenq

07.10.2011, 10:29 Uhr

Seit her sind alle noch "system-relevanter" und noch "even bigger to fail" geworden - dann kann man sich gewiss sein, was geschehen wird.

mike22

07.10.2011, 11:25 Uhr

Ein weiterer Bailout des Bankensystems durch Steuergeld ohne substantielle Gegenleistungen der Finanzbranche wird zu einem Sturm der Wut und Entrüstung in Europa führen. Merkels Regierung wird die nächste Wahl nur überleben, wenn es ihr gelingt die Systemparasiten zu bändigen. Die angelsächsischen Sprachrohre der globalen Finanzelite sollten sich besser drarauf einstellen, dass diese Welt nicht mehr die alte sein wird. Im Übrigen erwarte ich, dass die USA sehr bald im Zentrum des Horrors stehen werden. Dann nämlich, wenn klar wird wieviel sie selber sparen müssen und wie wenig sie dazu bereit sind...

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