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05.03.2012

07:53 Uhr

Presseschau

Weidmanns Wut und Draghis Unheil

VonDaniel Lenz

Die von Bundesbankpräsident Jens Weidmann entfachte Debatte über eine Absicherung von Forderungen zwischen den Notenbanken zieht weite Kreise. Einige Kommentatoren sehen EZB-Chef Mario Draghi geschwächt, andere erkennen nur ein Scheingefecht. Die Presseschau.

Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann. dpa

Der Präsident der Deutschen Bundesbank, Jens Weidmann.

Der Bundesbankpräsident Jens Weidmann hat mit seinem Appell, die Forderungen zwischen den Notenbanken besser absichern zu lassen, eine kontroverse Debatte ausgelöst. Im EZB-Schattenrat habe Weidmann mit seinem Vorstoß viel Kritik geerntet, berichtet das Handelsblatt.

Der Spiegel hat sich in der EZB-Spitze selbst umgehört, wo man Weidmanns Einwand als „verheerendes Signal“ werte. Denn die Bundesbank räume erstmals ein, dass sie „ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone nicht ausschließt“.

Das Handelsblatt selbst nimmt Weidmann in Schutz. Dass EZB-Chef Mario Draghi mit drei Geldkanonen die Euro-Krise bekämpfe, zeige nur, dass die Euro-Retter aus der Notenbank jedes Maß verloren hätten. In dieser Situation wäre ein schneller, abgestimmter Einsatz von Notenbank und Politik effektiver und billiger als das, was Europas Kanoniere bislang geleistet hätten.

Auch Ifo-Präsident Hans-Werner Sinn gibt Weidmann Rückendeckung. „Er hat einen verantwortlichen Standpunkt eingenommen, und ich hoffe sehr, dass die Politiker es nun auch tun“, zitiert die Süddeutsche Zeitung Sinn. „Deutschlands Ersparnisse sind durch die Politik der EZB im Umfang von 500 Milliarden Euro in bloße Forderungen gegen die EZB verwandelt worden, die wir niemals fällig stellen können und die in der Luft hängen, wenn der Euro zerbricht.“

Der angebliche Streit zwischen Weidmann und Mario Draghi ist nach Einschätzung der Financial Times Deutschland nur ein Scheinmanöver, das Weidmanns geschwächte Position bei der alten Garde in Frankfurt verbessern solle. „Denn die hatte unter seiner kampflosen Unterstützung für Draghis kühne Politik gelitten. Der EZB-Präsident macht das Spielchen mit, weil er seinen Verbündeten schützen will.“

Milliarden für die Banken fließen zurück zur EZB

Übernachteinlagen auf Rekordstand

Nach der zweiten Geldspritze der EZB an die Banken sind die Übernachteinlagen bei der EZB erneut drastisch gestiegen. Drei Tage nach der Ausgabe des Tranchen an die Banken legten sie um 300 Milliarden Euro auf 776,9 Milliarden Euro zu, wie die Notenbank in Frankfurt mitteilte. Das war ein Rekordstand. Der Anstieg entspricht in etwa der zusätzlichen Liquidität, die die EZB mit ihrer zweiten großen Geldspritze binnen drei Monaten in den Bankensektor gepumpt hatte.

Was sind die eintägigen EZB-Einlagen?

Mit den Übernacht-Einlagen kann die Notenbank die umlaufende Geldmenge feinsteuern. Für gewöhnlich nehmen die Banken das kaum wahr, weil die Verzinsung vergleichsweise schlecht ist. Vielmehr leihen sie sich das Geld lieber gegenseitig auf dem sogenannten Interbankenmarkt aus. Dieser Handel ist seit der Finanz- und Schuldenkrise aber gestört. Die Angst ist, das verliehene Geld zu verlieren. Vor allem südeuropäischen Banken, die stark in Staatsanleihen angeschlagener Länder investiert haben, schlägt hohes Misstrauen entgegen.

Was ist die Ursache für den Ansprung der Einlagen?

Für den drastischen Sprung dürfte die jüngste Geldspritze der EZB verantwortlich sein. Die Notenbank verlieh den Geldhäusern die Rekordsumme von knapp 530 Milliarden Euro für drei Jahre. Damit will sie einer Kreditklemme vorbeugen, die wegen der Schuldenkrise im Euroraum befürchtet wird.

Schulden mindern Liquidität

Die zusätzliche Liquidität, die die Banken erhalten, liegt aber niedriger. Denn zeitgleich zu der großen Geldspritze waren andere Geschäfte mit der Notenbank ausgelaufen. Experten veranschlagen den Effekt unter dem Schnitt auf rund 310 Milliarden Euro. Und dieser Betrag entspricht in etwa dem Anstieg der Bankeinlagen vom Freitag.

Wieso fließt die Geldspritze zurück zur EZB?

Offensichtlich benötigen viele Banken das zusätzliche EZB-Geld nicht sofort. Vielmehr leihen sie es sich für spätere Geschäfte. Ein Beispiel: Auch Banken haben eigene Anleihen ausgegeben. Und wenn diese fällig werden, müssen die Schulden bedient und zurückgezahlt werden. Mit dem frischen Zentralbankgeld schaffen sich die Banken also ein Sicherheitspolster.

Dagegen meint das Wall Street Journal, die Auseinandersetzung schwäche die EZB im Kampf gegen die Krise.

Die EZB habe keine andere Wahl, als die Märkte mit billigem Geld zu fluten, versichert das Wirtschaftsblatt. „Wer einen Brand löschen muss, philosophiert besser nicht über ­Verschwendung von Trinkwasser.“

Forbes schlägt Fed-Chef Ben Bernanke und Draghi als Nobelpreisträger vor, weil die Zentralbanker eine weitere Kernschmelze verhindert hätten.

Kommentare (10)

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Harakirri

05.03.2012, 08:32 Uhr

Diesen Interessenskonflikt tragen die beiden jeweils auf ihre Weise aus. Draghi für Italien und Weidmann für Deutschland. Ein gemeinsames Europa rückt immer mehr in weite Ferne. Nur eins ist geweiss. Der Untergang.

grosserSprungvorwaerts

05.03.2012, 08:37 Uhr

Eine Absicherung von Forderungen ist normales Geschäftsgebahren. Dass so etwas tabuisiert wird, zeigt doch, dass man sowieso nicht damit rechnet, dass diese Forderungen jemals zurückgezahlt werden. Das ist halt der Preis für ein vereinigtes Europa, wobei man dies so schnell wie möglich alternativlos unter Dach und Fach bringen will. Na, und wo gehobelt wird, fallen halt Späne. Erinnert sehr stark an den grossen Sprung vorwärts von Mao damals, wo er ja auch getrieben von einer Idee, die natürlich die besten waren, diese umzusetzen versuchte. Das Resultat war eine der grössten Hungersnöte in China mit Millionen Toten.
Die Idee von einem vereinigten Europa ist gut, aber man sollte schon Wege wählen, die diesem Plan wirklich förderlich sind und die jetzige Politik zur Sache ist nicht förderlich, sondern schädlich. Zwangsenteignung der Bürger vertuscht als Kredit, der nicht zurückbezahlt wird, ist kein konstruktiver Beitrag zur Förderung Europas.

Peitsche

05.03.2012, 09:21 Uhr

Die Utopie der "Vereinigten Staaten von Europa" ist so widerlich wie die Idee des Sozialismus im Osten, oder die Ideologie der Nazis.
Nur Willensfanatiker wollen die Menschen "erziehen", damit sie gläubig werden und steuerbar.
Europa, die EU und der Euro sollen lieber zerbrechen, als einer Utopie nachzulaufen, die nur mit ZWANG, UNFREIHEIT und Politbüro in Brüssel vorläufig - nicht dauerhaft(!) - durchgepeitscht werden könnte.

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