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22.08.2011

08:32 Uhr

Presseschau

Zeitenwende in Libyen eingeläutet

In Tripolis feiern die Rebellen, die internationale Wirtschaftspresse fragt sich, wer nun an die Macht kommt und welche Rolle der Westen dabei spielt. Kritik hagelt es vor allem für die Libyen-Haltung Deutschlands.

Siegesstimmung in Tripolis: Nicht nur die Rebellen, sondern auch die internationale Wirtschaftspresse läutet das Ende der Ära Gaddafi in Libyen ein. Reuters

Siegesstimmung in Tripolis: Nicht nur die Rebellen, sondern auch die internationale Wirtschaftspresse läutet das Ende der Ära Gaddafi in Libyen ein.

Das Regime des libyschen Diktators Gaddafi sei offenbar gefallen, berichtet der Fernsehsender Al Jazeera. Die Menschen feierten bereits den Einzug der Rebellen in die Hauptstadt Tripolis. Einer Korrespondentin des Senders zu Folge hätten sich die Menschen auf dem „Grünen Platz“ im Zentrum versammelt und skandiert „Wir sind frei“. Während der letzten Monate hätten auf diesem Platz immer wieder Anhänger Gaddafis demonstriert. Der Widerstand gegen die in die Hauptstadt vorrückenden Rebellen sei jedoch sehr gering gewesen. Eine Militärbasis vor der Hauptstadt hätten die Rebellen förmlich überrannt und große Mengen an Waffen und Munition erbeutet. Über den Verbleib von Gaddafi selber gebe es keine genauen Informationen. Laut Rebellen seien zwei Söhne Gaddafis festgenommen worden. Mohammed Gaddafi, einer von ihnen, habe gerade ein Telefoninterview mit Al Jazeera geführt, das nach Schuss-Lauten unterbrochen worden sei.

Die britische Tageszeitung Guardian stellt die Frage, wen und was die neue Ära in Libyen mit sich bringen werde. Natürlich schleiche auch das „irakische Gespenst“ umher – ein Land, in dem die Invasoren nach dem Regimesturz Kräfte entfesselt hätten, deren Existenz sie nicht einmal vermutet hätten. Der Vergleich hinke jedoch, da der Nationale Übergangsrat der Rebellen einen Teil von Gaddafis Truppen im Dienst behalten wolle. Somit werde der Fehler, die irakischen Sicherheitsbehörden aufzulösen, vermieden. Außerdem werde es keine Besatzung geben. „Die Libyer werden jedoch Hilfe brauchen“, meint das Blatt. Ein Teil werde aus Europa, Amerika und der arabischen Welt kommen. Am wichtigsten seien jedoch die Nachbarn Ägypten und Tunesien, die Vorbild für die libysche Revolution gewesen seien. „Die beiden Länder hätten am meisten zu verlieren, wenn Libyen von seinem neuen Weg abkommt“, analysiert die Zeitung.

Auch die Süddeutsche Zeitung denkt bereits an die Zeit nach Gaddafi und fragt, wer wirklich die Macht bei den mutmaßlichen neuen Herrschern des Landes habe. Auch wenn der demokratisch nicht legitimierte Übergangsrat von der Nato und vielen arabischen Bruderstaaten als rechtmäßige Vertretung des libyschen Volkes angesehen werde, sei noch immer unklar, wer wirklich die Fäden in dem Gremium ziehe. Nur 13 von 40 Mitgliedern seien namentlich bekannt. „Nicht alle von ihnen werden demokratisch gesinnte Politiker sein“, mutmaßt das Blatt. Darunter dürften auch Stammesscheichs und Islamisten sein. Der Rat der Rebellen habe einen demokratischen Fahrplan vorgelegt, der Wahlen und eine Verfassung vorsehe. Problematisch dürfte jedoch die Einbindung moderater Gaddafi-Anhänger werden. Außerdem sei Libyen ein nur „locker verbundenes, von Stämmen dominiertes Staatsgebiet“. Dieses zusammenzuhalten, werde zur Herausforderung für jede Regierung nach dem Sturz Gaddafis.

Das Wall Street Journal kritisiert die Rolle der USA im Libyen-Konflikt, der durch ein entschiedeneres Einschreiten Washingtons hätte deutlich kürzer ausfallen können. Das Zögern des Westens habe Gaddafi nur neue Hoffnung gegeben. „Die Libyer werden nun selber über ihre Zukunft entscheiden“, kommentiert das Blatt. Die USA hätten jedoch ein Interesse daran, der Welt zu zeigen, dass die Nato-Intervention dazu beigetragen habe, einen Diktator zu stürzen, Leben zu retten, und eine neue libysche Regierung zu unterstützen, die ihr Volk respektiere und nicht den globalen Terrorismus finanziere. Der Einfluss der USA auf die neue Regierung werde jedoch nur begrenzt sein. Die Rebellen ihrerseits hätten keinen dominanten Führer, was zu einem Machtkampf führen könnte. Ein hoffnungsvolles Zeichen sei die Ankündigung eines der Rebellenführer, Checkpoints einzurichten und eine groß angelegte Entwaffnung durchzuführen.

Auch die Welt freut sich, dass ein weiterer Tyrann stürzt, und kritisiert gleichzeitig die Bundesregierung für ihre Enthaltung bei der UN-Abstimmung zum Libyen-Einsatz. Außerdem, so das Blatt, sei die These widerlegt, dass der Islam und Demokratie nicht zusammen funktionierten. „Jetzt kommt es darauf an, die zarte Pflanze Demokratie zu pflegen und ihr am Rande der Wüste Rechtsstaat und Prosperität zuzugesellen“, schreibt das Blatt. Am Geld müsse es nicht scheitern, dafür habe Libyen die Petrodollars. Alles andere müsse jedoch noch geschaffen werden: Menschenrechte, besonders Frauen eingeschlossen, säkulares Verfassungswesen, Gleichgewichte und Gegengewichte, Bildung und Ausbildung für die junge Generation, die gegen die Chancenlosigkeit ihres Daseins ebenso rebelliert hat wie gegen die Dumpfheit der Unterdrückung. „Nach dem Sturz des Diktators wird die Arbeit erst anfangen“.

Kommentare (4)

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Ergo

22.08.2011, 08:17 Uhr

Glückliches Lybisches Volk.Da wird man neidisch.
Ist hier auch fällig,um dieser Hydra hier mal ein paar tausend Köpfe abzuschlagen.

Pendler

22.08.2011, 09:50 Uhr

Glückwunsch Herr Obama,

der von Ihnen (CIA) eingefädelte Deal über Wikileads hat den nächsten diktator zu Fall gebracht. Glückwunsch auch, dass sie die GI's dieses mal heraus gehalten haben. Jedenfalls vor den Augen der Öffentlichkeit.

Vietman darf sich für die USA nicht wiederholen.
Im Iraq war die U.S. armee schon etwas geschickter
Aber mit Tunesien, Ägypten und nun auch Lybien haben Sie wirklich professionelle arbeit geleistet.


Wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit Syrien.

Fassungslos

22.08.2011, 09:57 Uhr

Auf Deutsch gesagt, "mir kommt gerade die Kotze hoch!"
Habe den Artikel in der Welt noch nichtgelesen, aber Deutschlands Engagement in Libyen ist und wird falsch sein.

Wie kann eine Zeitung so offensichtlich die Tatsachen verdrehen und die Leute Glauben diesen Unsinn?

In fast keinem Afrikanischen Land ging es der Bevölkerung so gut wie in Libyen. Sollte es wirklich so sein, dass die Bevölkerung jetzt feiert, dann haben sie genau dass verdient was jetzt kommen wird. Mc Donalds für alle und die Rohstoffe des Landes gehen in die USA und an sonstige Kriegstreiberländer.

Nach spätestens 10 Jahren ist das Land dann ausgelutscht, die Bevölkerung vom schlechten Essen krank und nicht mehr in der Lage selbstständig zu denken. Dazu noch hoffnungslos verschuldet bei den Banken.

Das nennt sich dann Demokratisieren von unzivilisierten.

Geschichte wiederholt sich…

Verdammt, wacht endlich auf und seht genau hin, was Sie mit euch machen…

Navjo Indianisch - Akita´mani´yo

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