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26.07.2011

08:17 Uhr

Presseschau zum Chefwechsel

Neuer Konfliktherd bei der Deutschen Bank

VonBarbara Bierach, Maxim Kireev

Der übergangslose Wechsel von Joseph Ackermann vom Vorstandsvorsitzenden zum Chefaufseher wird von der Presse äußerst kritisch betrachtet. Die Börsen-Zeitung rechnet mit einem „Übervorstandsvorsitzenden“, die FTD prophezeit einen Machtkampf.

Josef Ackermann: Er wurde von der Deutschen Bank zum Aufsichtsrat gemacht. Quelle: dapd

Josef Ackermann: Er wurde von der Deutschen Bank zum Aufsichtsrat gemacht.

DüsseldorfDie Financial Times Deutschland kritisiert die Entscheidung der Deutschen Bank, Joseph Ackermann zum Aufsichtsrat zu machen. „Der Deal widerspricht den Prinzipien guter Unternehmensführung“, meint das Blatt. Ein Aufsichtsrat könne schlecht die Arbeit des Vorstandes beurteilen, wenn er sie bis vor kurzem selber geprägt habe. Darüber hinaus prophezeit die FTD einen Machtkampf an der Spitze. Schließlich werde sich Ackermann kaum mit einer Rolle im Hintergrund abfinden, sondern „lieber weiter den Bankchef spielen und sich mit der Kanzlerin und dem Notenbankchef zeigen“. Die künftigen Vorstandschefs könnten dies entweder tolerieren und sich in die Rolle von Ackermanns Gehilfen zurückziehen, oder sich gegen die mögliche Einmischung ins Tagesgeschäft wehren. „Beides ist schlecht für Deutschlands wichtigstes Geldhaus“, resümiert das Blatt.

Die Börsen-Zeitung erinnert an Ackermanns wiederholte Aussage, er sei ein schlechter Aufsichtsratschef. Er sei zu stark ins Geschäft involviert und zu ungeduldig und werde deshalb mit Sicherheit kein Aufsichtsratschef. Zwar sei es nicht verwerflich, im Lichte neuer Umstände seine Meinung zu ändern, schreibt das Blatt. Das Problem bei Ackermann sei nur, dass seine Selbsteinschätzung immer noch zutreffe. Es sei kaum vorstellbar, dass „dieser Vollblutbanker“ die nötige Distanz zum operativen Geschäft wahren könne. Die beiden künftigen Co-Chefs Anshu Jain und Jürgen Fitschen müssten sich daher mit einem „Übervorstandsvorsitzenden“ als höherer Instanz abfinden. Nachdem nun mit dem Abgang von Clemens Börsig ein Konfliktherd beseitigt worden sei, bleibe zu befürchten, dass es nicht der letzte gewesen sei.

Die Frage, wer führe, sei genauso wichtig wie die Frage, wer kontrolliere, findet die Wirtschaftswoche. Es sei zu verstehen, dass die Beteiligten die Gunst der Stunde nutzen wollen, um die Nachfolgefrage an gleich zwei Schaltstellen von Deutschlands größter Bank in einem Aufwasch zu klären. Auch habe sich der Deutsche-Bank-Chef anlässlich der Euro-Krise wieder einmal als unverzichtbarer Berater für deutsche und europäische Politiker in Szene gesetzt. Doch diese Besetzung habe auch Risiken, meint das Magazin. Der Ruf der Deutschen Bank stünde auf dem Spiel, sollte Ackermann die Kontrollmacht als Aufsichtsrat dazu nutzen, seine Agenda aus der Zeit als oberster Manager fortzuführen. Das müsse auch denjenigen Aktionären und Mitarbeitern klar sein, „die sich insgeheim wünschen, dass der Schweizer Vorzeigebanker noch ein weiteres Mal seinen Vertrag als Vorstandschef verlängert hätte.“

Die Süddeutsche Zeitung beschäftigt sich dagegen mit dem neuen Co-Chef  Anshu Jain als Nachfolger von Josef Ackermann. Der Cricket-Fan Jain lebe asketisch, liebe das große Geld und besitze „einen gewissen George-Clooney-Charme“. Materielle Anerkennung  sei nach eigenem Bekunden keinesfalls das Wichtigste in seinem Leben, dennoch rede Jain von Berufs wegen ununterbrochen über Geld. Und Geld sei auch das wichtigste Argument für den 48-Jährigen als Chef: Allein im vorigen Jahr habe Jains Armee aus Investmentbankern sechs Milliarden Euro zum Vorsteuergewinn des Konzerns von insgesamt sieben Milliarden beigesteuert. Und der Bank-Chef in spe habe dabei mit zwölf Millionen Euro ohnehin schon mehr verdient als Ackermann mit seinen neun Millionen. Der „neue Jainismus der Bank“ drücke sich radikal in Euro und Cent aus. Er besagt: Zwar gebe es so Hässliches wie die Euro-Krise und Staatsschulden, doch die Deutsche Bank hat sich unabhängig gemacht von solchen Turbulenzen. Das Geldhaus schwebe „wie ein großer Zeppelin über den dunklen Wolken der Weltwirtschaft“. Und Jain, der neue Zeppelinführer, der sich persönlich in Askese übt, schwelge im Rausch der Milliarden.

 

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