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17.01.2001

08:03 Uhr

"Meinungsverschiedenheiten" als Auslöser

Kongos Präsident Kabila erschossen

Der Präsident der Demokratischen Republik Kongo, Laurent Kabila, ist nach Informationen der früheren Kolonialmacht Belgien am Dienstag von einem Leibwächter erschossen worden.

Reuters BRÜSSEL/KINSHASA. Der belgische Außenminister Louis Michel sagte der Nachrichtenagentur Belga in Brüssel, der Tod Kabilas sei von zwei zuverlässigen Quellen bestätigt worden. Der Präsident sei in Anwesenheit mehrerer Generäle erschossen worden, die Kabila zuvor entlassen habe. Kabila sei am Rücken und am Bein von Kugeln getroffen worden. Zuvor war aus Kreisen des kongolesischen Präsidialamts in der Hauptstadt Kinshasa verlautet, Kabila sei schwer verletzt in ein Krankenhaus geflogen worden.

Nach einem Bericht des belgischen Rundfunksenders RTBF hatte Kabila eine Gruppe von Generälen zu sich gerufen, um ihnen ihre Entlassung persönlich mitzuteilen. Während des Treffens habe eine Leibwache zweimal auf Kabila gefeuert. Danach sei der Präsident mit einem Hubschrauber ins Krankenhaus in Kinshasa geflogen worden, wo er gestorben sei. Michel sagte, der Tod Kabilas sei wohl nicht das Ergebnis eines Putschversuchs, wie es zunächst in ugandischen Geheimdienstkreisen berichtet worden sei. Vielmehr seien offenbar "Meinungsverschiedenheiten" der Auslöser für die Gewalttat gewesen.



Alarmbereitschaft und Ausgangssperre

Innenminister Geatan Kakudji, der als möglicher Nachfolger des Präsidenten gehandelt wird, wollte sich zunächst nicht zu den Berichten über den Tod Kabilas äußern: "Die Belgier können sagen was sie wollen. Ich werde mich noch äußern", sagte Kakudji, der ein Neffe Kabilas ist. Er hatte vor der belgischen Erklärung im staatlichen Fernsehen gesagt, Kabila selbst habe die Truppen in Kinshasa in Alarmbereitschaft versetzt. Von 20 Uhr Ortszeit (MEZ) bis zum Sonnenaufgang sei eine Ausgangssperre verhängt worden. Bewohner der Hauptstadt berichteten, es gebe keine Anzeichen für Panik unter der Bevölkerung. Auch vor Beginn der Ausgehsperre sei die Lage auf den Straßen ruhig geblieben.

Auch eine Sprecherin des Auswärtiges Amtes in Berlin sagte am Abend unter Berufung auf die deutsche Botschaft in Kinshasa, bislang sei die Lage dort ruhig. Die politische Situation sei unklar. Im Kongo hielten sich etwa 150 Deutsche auf. Ihnen sei empfohlen worden, in ihren Häusern zu bleiben. Eine entsprechende Empfehlung erteilte auch die US-Regierung den rund 450 Amerikanern im Kongo.

Kabilas Stabschef Edy Kapend hatte im staatlichen Fernsehen das Militär aufgefordert, die Flughäfen und Grenzen zu schließen. Der Armee wurde der Einsatz von Waffen verboten, so lange nicht der Befehl dazu erteilt werde. Die Bevölkerung rief Kapend zu Ruhe und Besonnenheit auf.

Der 1939 geborene Kabila hatte 1997 mit Hilfe von Truppen aus Ruanda und Uganda den seit 1960 herrschenden Diktator Mobutu Sese Seko gestürzt. Im Kongo herrscht seit Jahren ein Bürgerkrieg, an dem mehrere afrikanische Staaten beteiligt sind. Ungeachtet eines vor 18 Monaten vereinbarten Waffenstillstands halten die Kämpfe in dem Land unvermindert an.

Uganda und Ruanda unterstützen Rebellen in der Demokratischen Republik Kongo, die seit August 1998 für den Sturz Kabilas und für demokratische Reformen kämpfen. Simbabwe steht, wie auch Angola und Namibia, auf Seiten Kabilas.

"Kabila stand dem Frieden im Weg"

Nach Einschätzung von Herman Hannekom vom Afrikanischen Institut in Pretoria hat Kabila im Volk viel an Unterstützung verloren, weil er das Land nicht befriedet habe. Die Moral in der Armee sei offenbar niedrig, der Widerstand wachse und das Volk sei des Krieges überdrüssig. Kabila selbst habe dem Frieden am stärksten im Wege gestanden, sagte Hannekom. Jack Potgieter von südafrikanischen Institut für Internationale Angelegenheiten, sagte, ohne Kabila sei es für die auf unterschiedlichen Seiten stehenden Regierungen Angolas und Simbabwes sowie Ruandas und Ugandas möglicherweise einfacher, Frieden zu schließen.

In Sambia hatten die Bürgerkriegsparteien vor 18 Monaten ein Friedensabkommen geschlossen, das jedoch nicht eingehalten wurde. Analysten zufolge hatten die Regierungstruppen zuletzt ihre Stellungen in der südlichen Region Katanga für eine Offensive gegen die Rebellen verstärkt, die im vergangenen Monat die in der Region liegende Stadt Pweto erobert hatten. Die Rebellen sollen ihre Positionen ausgebaut haben. Sie werfen Kabila Misswirtschaft und Korruption vor.

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