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02.07.2000

15:32 Uhr

Memorandum fordert neben Staat auch Industrie, Stiftungen und Privatpersonen zu finanzieller Unterstützung auf

Die Genomforschung in Deutschland soll stärker gefördert werden

Namhafte deutsche Wissenschaftler haben eine stärkere Förderung der Genomforschung in Deutschland gefordert. Vor dem Hintergrund der in der vergangenen Woche in den USA verkündeten Entschlüsselung der Erbanlagen des Menschen legten die Forscher ein Memorandum zur Genomforschung vor, berichtete die Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren am Sonntag in Bonn. Darin plädieren sie für eine gemeinsame Initiative von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zur umfassenden Förderung von Genomforschung und Biomedizin in Deutschland. Der Philosoph Hans-Georg-Gadamer und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karhl Lehmann, sehen die Entwicklung mit Sorge.

dpa BONN. "Die nächsten fünf Jahre werden darüber entscheiden, ob Deutschland einen bedeutsamen Anteil zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn und den sich daraus ergebenden Innovationen beisteuern kann, oder ob die USA schon bald praktisch der alleinige Motor dieser Forschungsbereiche sind", schrieben die Professoren in ihrem Memorandum. Deutschland habe als Hochtechnologieland zu spät "und dann auch noch unzureichend auf die Entwicklung in der Genomforschung und Biomedizin reagiert". Staatliche Förderung reiche allein nicht aus. Vielmehr müssten wie in den USA und Großbritannien Mittel aus Wirtschaft, Stiftungs- und Privatvermögen die staatlichen Mittel wirkungsvoll ergänzen."

Hans-Georg Gadamer hingegen warnte vor den Folgen der Entschlüsselung menschlichen Erbgutes. "Für mich ist das alles ganz erschreckend. Ich sehe eine Entwicklung hin zum vollkommen künstlichen, seines Schicksals und seiner Individualität beraubten Menschen. Wir bauen uns einen Homunkulus", sagte der Philosoph, der im Februar seinen 100. Geburtstag gefeiert hat. Gadamer forderte nachdrücklich, der Forschung - und vor allem auch der mit den Forschungsergebnissen arbeitenden Wirtschaft - "endlich ethische Grenzen" zu setzen.

Auch der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Lehmann, warnte vor dem Überschreiten von Grenzen: "Auch wenn nach der Genom-Entschlüsselung viele denken, jetzt sei alles machbar, so haben wir damit jetzt nicht die Verantwortung für die Evolution übernommen." Er habe sich wegen der Möglichkeit, künftig verstärkt Krankheiten zu erkennen und zu therapieren, über die Nachricht von der Entschlüsselung des menschlichen Erbguts gefreut, sagte der Kirchenmann am Samstag in Freiburg. Dennoch müsse streng darauf geachtet werden, dass sich die Würde des Menschen künftig nicht durch Leistung, Geld, Herkunft oder die Summe seiner Gene definiere.

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