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05.04.2006

09:06 Uhr

Merkel besucht SPD-Fraktion

„Kommense rein, Kanzlerin“

VonKarl Doemens

Kaum 20 Meter trennen die Fraktionsräume von Union und SPD im Bundestag. Trotzdem ist der Widerstand ins ehemalige Feindeslager einzutreten groß. Folglich kam es am Dienstag zu einem eher seltenen Bild: Angela Merkel besuchte die SPD-Fraktion.

BERLIN. Rein physikalisch betrachtet ist die Aufgabe wirklich nicht schwer. Kaum 20 Meter trennen die Fraktionsräume von Union und SPD im Bundestag. Keine steile Treppe, kein langer Flur: Man müsste an einem Sitzungstag nur die Tür öffnen, ein paar Schritte tun und könnte den Koalitions-Kollegen "Hallo" sagen. Ein überschaubarer Krafteinsatz also. Und doch ein äußerst seltenes Ereignis. Zu groß ist der Widerstand, den Fuß ins ehemalige Feindeslager zu setzen.

Angela Merkel nimmt die Strecke am Dienstagnachmittag mit festem Gang. "Kein spektakulärer Termin" sei ihr erster Auftritt als Kanzlerin in der SPD-Fraktion, haben ihre Vertrauten zuvor erklärt, "aber auch keine Routine." Es gehe darum, das Vertrauen zu stärken. "Kommense ?rein, Frau Kanzlerin", begrüßt SPD-Fraktionschef Peter Struck den seltenen Gast jovial an der Glastür: "Ich freue mich."

Ganz so euphorisch empfinden nicht alle im Fraktionssaal. Immerhin ist es erst vier Monate her, dass die Partei mit dem Slogan "Die kann es nicht!" im Wahlkampf Stimmung gegen Merkel machte. Vorsichtige Neugier bestimmt die allgemeine Gefühlslage. "Ich lass? mich überraschen. Ich habe schon Schlimmeres erlebt", meint Ex-Sozialminister Walter Riester lakonisch.

Zum Beispiel am Vortag, als Ex-SPD-Kanzler Helmut Schmidt 45 Minuten lang referierte, wie man richtige Politik macht und dass die Agenda 2010 erst "ein allererster" Reformschritt sei. "Auf Ihrem Platz hat gestern der größte Kanzler aller Zeiten gesessen", leitet Struck selbstironisch die Begegnung mit der CDU-Regierungschefin ein: "Das war nicht immer einfach." Merkel erwidert, auch sie habe schon mit Schmidt gesprochen: "Das war etwas deprimierend." Da bricht Gejohle aus im Fraktionssaal. Die Kanzlerin bedankt sich ihrerseits für den Begrüßungsapplaus mit der schmeichelnden Bemerkung, so freundlich werde sie selbst in der CDU/CSU-Fraktion nicht immer empfangen. Da ist das Eis endgültig gebrochen.

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