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31.01.2003

14:54 Uhr

Michael Schineis ist Chef des Skiproduzenten Atomic

Ein Sanierer auf Skiern

VonJoachim Hofer

Am Wochenende beginnt die Ispo, die führende Messe für Sportartikel und Mode, in München. Ein Pflichttermin für Michael Schineis, der Atomic sanierte und an die Weltspitze führte.

ALTENMARKT. Die Landschaft rund um die Atomic Skifabrik ist bezaubernd. Die Sonne strahlt, und die verschneiten Hügel des Salzburger Landes laden zu ausgiebigen Skitouren ein. Michael Schineis zieht die Vorhänge zu. Der Schnee reflektiert die Sonnenstrahlen, und das gleißende Licht im Büro schmerzt in den Augen. Schlimmer noch: Der Blick lockt den passionierten Skifahrer, zieht ihn auf die Pisten der Skigebiete, die einige Kilometer von der Unternehmenspforte im österreichischen Altenmarkt entfernt beginnen.

Der 44-Jährige widersteht der Versuchung - muss ihr widerstehen. Denn sonst wäre es dem dynamischen Chef des Skiproduzenten Atomic kaum gelungen, ein insolventes Unternehmen zu sanieren und in fünf Jahren an die Weltspitze heranzuführen. Neben Salomon und Rossignol hat es die Marke aus der österreichischen Provinz mittlerweile in die Top-Liga der Skiproduzenten geschafft. In Deutschland hat die Tochter des finnischen Amer-Konzerns jüngst sogar Platzhirsch Völkl die Marktführerschaft streitig gemacht.

Der Erfolg ist kein Zufall. Der Mann mit den Stoppelhaaren hat das Wintersport-Geschäft von der Pike auf gelernt. Mit 20 war der gebürtige Allgäuer bereits Skilehrer. Kurz darauf gründete der geschäftstüchtige Sportler während seines Studiums der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Augsburg eine eigene Skischule. "Ich habe damals mein Hobby zum Beruf gemacht", erinnert er sich.

Die Erfahrung zahlt sich heute aus. "Als Chef einer Skifabrik muss man etwas von seinen Produkten verstehen", betont der Manager, "außerdem kenne ich die Probleme der Menschen, die Skifahren lernen."

Schineis hat sich dem Sport mit Haut und Haaren verschrieben: In seinen Schreibtisch haben die hauseigenen Schreiner Metallplatten in Skiform eingearbeitet. Die Mitte des mächtigen Besprechungstisches ziert die Form eines Snowboards in Originalgröße. In dem großen, schlichten Büro sind einige wenige Paar Ski und ein halbes Dutzend Skistiefel so ziemlich die einzige Dekoration.

Doch der Firmenchef sitzt ohnehin nur selten am Schreibtisch. Die Hälfte der Zeit verbringt der verheiratete Vater zweier Kinder im Ausland - dort, wo die Kunden sind. 80 Prozent der in Altenmarkt produzierten Skiausrüstung werden außerhalb der Alpenrepublik verkauft.

Weil er so viel auf Achse ist, hat sich der umtriebige Manager mit seiner Familie im verkehrsgünstig gelegenen Salzburg niedergelassen - und nicht am Firmensitz im 40 Kilometer entfernten, idyllischen Altenmarkt. Die Distanz zur Firma hat aber noch einen anderen Grund: Nachdem das Unternehmen Mitte der 90er-Jahre kurz vor dem Aus stand, hat Schineis mit eisernem Besen aufgeräumt, 400 von 1 000 Mitarbeitern mussten gehen. "Damals hat er sich in der Region viele Feinde gemacht", erinnert sich ein Beteiligter. Da sei es gut gewesen, nicht in der 3 500-Seelen-Gemeinde zu wohnen. Mit seiner direkten Art hat Schineis so manchen vor den Kopf gestoßen.

Die Situation war für den gebürtigen Allgäuer nicht einfach. "Wir mussten die ganze Firma umkrempeln", sagt Schineis. "Zum Glück war der Leidensdruck groß genug." Doch er wollte sein Führungsteam für den Sanierungsplan hinter sich wissen. Um Vertrauen zu festigen, "bin ich an meinem ersten Tag mit allen wichtigen Leuten auf die Piste gegangen".

Dennoch waren viele in der Region wegen der Entlassungen sauer. Der Ärger ist inzwischen weitgehend verflogen, Schineis ist mit vielen seiner Mitarbeitern per Du. Geschäftspartner bezeichnen ihn als knallharten Manager - geben aber auch zu, dass der Atomic-Chef das Unternehmen erfolgreich zum Systemanbieter umgebaut hat, der Ski, Bindung und Schuhe aus einer Hand anbietet. Inzwischen setzt die Firma im Jahr rund 200 Millionen Euro um. Die 400 Arbeitsplätze, die damals abgebaut wurden, seien längst wieder besetzt, freut sich der Atomic-Chef. Mit einer Umsatzrendite von rund 20 Prozent gehört das Unternehmen zur Freude der Konzernzentrale in Helsinki weltweit zu den profitabelsten Sportartikelfirmen.

Mit dem Erfolg im Rücken kann Schineis jetzt zumindest an den Wochenenden beruhigt Ski fahren: Noch immer verbringt er jedes Jahr 30 Tage auf den Brettern. Gegenüber 60, 70 Tagen wie in der Jugend sei das allerdings nicht mehr viel, bedauert der Sportler. Die Vorhänge im Büro bleiben deshalb meistens zu.

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VITA

Michael Schineis wurde am 14. Dezember 1958 in Kempten geboren. Während des Studiums der Betriebswirtschaft betreibt Schineis eine Skischule in Bad Wörisdorf. Nach der Promotion an der Universität Augsburg startet er seine berufliche Karriere in einer Münchener Werbeagentur. Ab1993 ist Schineis verantwortlich für das Deutschland-Geschäft des Sportartikel-Herstellers Salomon. 1996 wechselt der Manager nach Österreich als Chef der angeschlagenen Skifabrik Atomic. In den vergangenen Jahren hat er das Unternehmen erfolgreich saniert.

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