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24.01.2003

08:35 Uhr

Militärschlag käme USA deutlich teurer als 1991

Amerika unterschätzt die Kosten eines Krieges

VonChristoph Rabe

Am Eröffnungstag des 33. Weltwirtschaftsforums in Davos blicken Ökonomen düster in die Zukunft. Der Irak-Krieg sei die große Unbekannte für die globale Wirtschaft. Indessen streiten sich die Wissenschaftler darüber, wie viel ein Militärschlag kosten wird.

DÜSSELDORF. Der drohende Irak- Krieg hängt wie ein Damoklesschwert über der Weltwirtschaft. Eine Militäraktion könnte zu neuen Terroranschlägen führen, die sich wiederum negativ auf das Konsumverhalten auswirken würden, warnte Gail Fosler, Chefvolkswirtin des amerikanischen Business Council, bei der Eröffnung des Weltwirtschaftsforums in Davos am Donnerstagabend. Und dann, so die Expertin weiter, drohe Amerika eine neue Rezession. Wenn dagegen ein Krieg vermieden werden könne, könnten die USA in diesem Jahr auf ein Wirtschaftswachstum von 3,5 % kommen. Das reiche, um auch dem Rest der Welt Impulse für ein Wirtschaftswachstum von etwa 2 % zu verleihen, sagte die Volkswirtin.

Rein finanziell gesehen, waren die Kosten des ersten Golfkrieges im Jahr 1991 für die USA allenfalls "Peanuts". Die alliierten Partner übernahmenim Rahmen des "Burden Sharing" den Löwenanteil von seinerzeit rund 61 Mrd. Dollar. Die USA mussten für die Operation "Desert Storm" nur noch 7 Mrd. Dollar aus dem eigenen Staatssäckel berappen.

Bei einem zweiten Waffengang gegen Saddam Hussein müssen die US-Steuerzahler dagegen wohl allein in die Tasche greifen. Aber auch die internationale Staatengemeinschaft muss wegen der noch nicht absehbaren konjunkturellen Folgen für Anrainerstaaten und Weltwirtschaft einen möglichen Krieg gegen den Irak teuer bezahlen. Und nicht allein die Türkei fordert von den USA Milliardenbeträge als Kompensation für den Kriegsfall.

In den USA sind in den vergangenen Monaten bereits verschiedene Berechnungen über die möglichen Kosten eines Krieges angestellt worden. So meldete sich der ehemalige Präsidentenberater Lawrence Lindsey mit einer Kalkulation zwischen 100 und 200 Mrd. Dollar zu Wort. Das Congressional Budget Office (CBO) spielte die Kosten dagegen herunter und kam für die Entsendung amerikanischer Verbände nur auf 44 Mrd. Dollar. Das US-Repräsentantenhaus schätzte die Kosten ähnlich niedrig ein und bezifferte sie auf 48 bis 60 Mrd. Dollar. Beide gehen dabei von einem kurzen, erfolgreichen Waffengang aus, der weder die Ölpreise noch die Weltwirtschaft destabilisieren würde.

Das hält William Nordhaus von der Yale-Universität indes für längst nicht ausgemacht (siehe Grafik). Er kritisiert die Unvollständigkeit beider Studien, weil sie die indirekten Folgekosten nicht ausreichend berücksichtigten. Nordhaus stellt in einer Untersuchung die Hypothese auf, dass die USA noch bis 2012 unter den Folgen eines Militärschlages leiden könnten. Sollte es zu einem komplizierten Kriegsverlauf kommen, rechnet er die Gesamtkosten, die allein auf die USA zurollen, auf bis zu 1,9 Bill. Dollar hoch. Die reinen Militärkosten machen dabei mit 140 Mrd. Dollar nur einen Bruchteil aus. Damit übertrifft Nordhaus die schlimmsten Annahmen des CBO-Reports um das Sechsfache.

Die eigentliche Kostenlawine wird Nordhaus zufolge erst in der Phase nach Beendigung der Militäroperation losgetreten. Anders als nach der Befreiung Kuwaits ist die Aufgabe der Amerikaner im Irak nach einem möglichen Sturz Saddam Husseins noch längst nicht beendet. Im Gegenteil. Nach Auffassung vieler Experten sollten sie sich auf eine mehrjährige Präsenz im Zweistromland einstellen. eine starke Stabilisierungstruppe unterhalten," meint Michael O?Hanlon von der Denkfabrik Brookings Institution. "Alles andere wäre strategisch nicht sinnvoll."Dann könnten die Kosten auf 500 Mrd. Dollar emporschnellen. Für den wirtschaftlichen Wiederaufbau des Iraks veranschlagt Nordhaus zwischen 30 und 100 Mrd. Dollar. Sollte gar ein "Marshall-Plan" aufgelegt werden, könnten die Ausgaben auf bis zu 450 Mrd. Dollar steigen.

"Man muss sich fragen, woher all dieses Geld kommen soll," sagt John Spratt vom Budgetausschuss des Repräsentantenhauses. "Wenn man einen Krieg anfängt, dann sollte man auch die Kosten planen." Doch US-Präsident Bush hat die Ausgaben weder im Budget für 2003 noch in dem für 2004 eingeplant. Dass der Irak über die Ankurbelung seiner Ölförderung für die US-Kosten aufkommen könnte, hält Nordhaus für "eine politische und wirtschaftliche Dummheit".

So dürften die Kosten weitgehend bei den Amerikanern hängen bleiben - mit schwer wiegenden Folgen für die US-Wirtschaft. Sie müsste allein in den nächsten zwei Jahren Belastungen von knapp 400 Mrd. Dollar schultern. Kommt der Irak-Krieg die USA tatsächlich so teuer zu stehen, wäre nicht nur das jüngste Konjunkturprogramm von Bush Makulatur - es drohte sogar eine neue Rezession. "Mir scheint," so schrieb Nordhaus für eine australische Zeitung, "die Amerikaner unterschätzen die wirtschaftlichen Folgen eines Irak-Krieges."

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