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30.01.2003

15:45 Uhr

Milliardenschäden durch Tachofälscher

So bleibt der Porsche jung

"Was ist denn schon dabei", sagt Iris. "Wir wollen einfach nur keinen Verlust machen." Damit der gebrauchte Porsche der Angestellten aus Berlin später einmal einen besseren Wiederverkaufspreis erzielt, hat der technisch versierte Lebensgefährte der jungen Frau schon vor zwei Jahren den Kilometerzähler abgeklemmt. So bleibt der Porsche jung - aber nur dem Anschein nach.

HB/ dpa GOSLAR. Was die Angestellte als Kavaliersdelikt weglächelt, treibt Peter Macke, dem Präsidenten des Verkehrsgerichtstages, die Zornesröte ins Gesicht. Denn Iris ist kein Einzelfall. Auf Deutschlands Straßen sind Hunderttausende, womöglich sogar Millionen Autos mit falsch eingestellten oder abgeklemmten Kilometerzählern unterwegs. "Bei bis zu jedem dritten Gebrauchtwagen ist der im Tachofenster angezeigte Kilometerstand manipuliert", sagt Macke.

Er geht davon aus, dass der dadurch verursachte Schaden Milliardenhöhe erreicht. Die Angeschmierten seien dabei die Gebrauchtwagenkäufer, aber auch die Leasinggeber und die Versicherungen, meint Macke. Auch Rainer Hillgärtner vom Auto Club Europa (ACE) in Stuttgart sieht in den Manipulationen alles andere als eine Bagatelle. "Das ist vorsätzlicher Betrug und Urkundenfälschung." Denn die vermeintlich niedrige Kilometerleistung treibe oft den Verkaufspreis in die Höhe.

Und der Weg zum Betrug ist einfach. "Für solche Manipulationen bieten sich im Internet windige Ein-Mann-Unternehmen frech weg als Tachoservice und ähnlich an", sagt Macke, der auch Präsident des Obrandenburgischen Oberlandesgerichtes ist. "Solchen betrügerischen Firmen muss deshalb das Handwerk gelegt werden", fordert ACE-Sprecher Hillgärtner. Zu ihrem eigenen Schutz sollten Gebrauchtwagenkäufer stets ein "gesundes Misstrauen" mitbringen. Schon beim geringsten Verdacht der Manipulation sollten sie sich alle TÜV-Berichte, Servicehefte und Werkstatt-Rechnungen zeigen lassen.

Man müsse "der Unredlichkeit den Boden entziehen", fordert auch Verkehrsgerichtstagspräsident Macke. "Die Kfz-Hersteller sind aufgerufen, technisch sicherzustellen, dass Kilometerstands-Manipulationen entweder gar nicht möglich oder für jedermann auf Anhieb erkennbar sind." Und in der Tat haben die Autohersteller das Problem schon erkannt. "Es sind zwei unterschiedliche Systeme entwickelt worden", sagt Gunter Zimmmermeyer, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Automobilindustrie in Frankfurt. Beim ersten wird der Kilometerstand außer vom Tacho noch an anderer Stelle im Auto gespeichert. Bei der zweiten Lösung springt der manipulierte Tacho automatisch in den korrekten Stand zurück, wenn der Wagen wieder gestartet wird.

Einziger Haken bislang: Die Systeme waren in der Entwicklung laut Zimmermeyer extrem teuer und werden deshalb bislang nur in Oberklassemodelle eingebaut. Mittelfristig werde sich die Technik aber auch in Mittelklasse-Autos durchsetzen, sagt er. Bis dahin aber wird Iris ihren Porsche wohl verkauft haben.

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