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20.02.2002

15:22 Uhr

Minicomputer gehen auf Tuchfühlung

Schneider verstecken das Handy im Anzug

VonALEXANDER FREISBERG (STEFAN MERX)

Für Visionäre aus der Textilwirtschaft und der Elektronikbranche steht fest: Computer gibt es bald zum Anziehen. Mikroelektronik soll funktionell und modisch in Bekleidung integriert werden, allzeit bereit und sogar waschbar. Nach Profi-Anwendern und Technik-Freaks sollen bald auch normale Verbraucher versorgt werden.

DÜSSELDORF. Mit ersten verbraucherfreundlichen Entwicklungen wollen Firmen der Unterhaltungselektronik-Branche Handys und Minicomputern eingenäht in Anzug und Mantel - den so genannten "wearable electronics" - zum Durchbruch verhelfen. So hat der japanische Anbieter Hitachi einen Ultraleicht-Computer mit der Bezeichnung "WIA-100NB Wearable Internet Appliance" vorgestellt. Der anziehbare Mini-PC soll so winzig sein, dass er in eine Hosentasche passt. Er ist mit einem 128-MHz-Prozessor und 32 MByte großen Arbeitsspeicher ausgestattet.

Zu dem Gerät, das Hitachi zusammen mit dem US-Hersteller Xybernaut entwickelte, gehört eine Kopfeinheit mit einem winzigen hochauflösenden Display. Mit dem Minidisplay vor dem Auge entsteht der Eindruck eines Bildes in Größe eines 13-Zoll-TFT-Bildschirms. Die ersten Hitachi-Geräte sollen noch gegen Ende dieses Quartals in Japan und den USA auf den Markt kommen.

Hitachi-Partner Xybernaut verkauft bereits in diesen Tagen ein ähnliches Modell mit Namen "Poma" auf seiner Web-Site für einen Preis von rund 1 500 $. Bereits im vergangenen Jahr hatte Xybernaut einen Mini-PC mit einem 500-MHz-Celeron-Prozessor und 126-MByte-Speicher vorgestellt. Dieses Gerät war allerdings deutlich größer als der "Poma" und wog ein knappes Kilo. Es wird überwiegend von professionellen Anwendern genutzt, vor allem Servicetechnikern in der Industrie.

An der intelligenten Zusammenführung von Elektronik und Kleidung arbeiten weltweit etliche Projektteams. "Zunächst ging es darum, professionellen Anwendern die Hände frei zu halten und so das Arbeitsumfeld zu erleichtern", sagt Astrid Ullsperger vom Bochumer Klaus Steilmann Institut. Immer stärker gehe es nun aber auch um uneingeschränkte Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmöglichkeiten für den Normalbürger. Wenn die Technik in die Kleidung Einzug halte, profitiere die Bekleidungsbranche auch von den Innovationszyklen der integrierten Geräte.

Bisher ist es noch keinem Unternehmen gelungen, den privaten Anwender von der "wearable electronic" zu überzeugen. Für Spiele oder mobiles Surfen im Web waren die Geräte zu unhandlich, zu leistungsschwach und einfach noch zu teuer. Allerdings glauben immer mehr Unterhaltungsriesen an das große Geschäft mit den Wearables. So hat Philips jetzt ein eigenes Forschungsprojekt gestartet, das die Technologie für den Massenmarkt öffnen soll. Jüngste Entwicklung innerhalb dieses Projektes ist die "wearable antenna", eine tragbare und leistungsstarke Antenne aus leitungsfähigem Textil. Sie soll in verschiedenen Kleidungsstücken zwischen den Schulterblättern integriert werden. Eine isolierende Untergrundbeschichtung soll den menschlichen Körper vor Mobilfunkstrahlen schützen und zusätzlich den Empfang verbessern.

Wann der Durchbruch mit den in die Kleidung eingenähten Geräten gelingt, ist nicht sicher. Doch an Visionen mangelt es nicht: Die Visionen reichen vom waschbaren MP3- Spieler bis zur Energieversorgung der Smart Clothes mit Solarenergie oder Körperwärme. So hat Chiphersteller Infineon einen Thermogenerator entwickelt, der direkt in einen Silicium-Chip integriert werden kann. "Die aus Temperaturunterschieden erzeugte Energie von zehn Mikrowatt pro Quadratzentimeter eignet sich schon jetzt, um beispielsweise Signale vom Pulsmesser an eine Uhr zu senden", sagt Christl Lauterbach aus der Infineon-Forschungsgruppe "Emerging Technologies".

Interessant ist die Wearable-Technologie bereits heute für Polizei und Militär. Das US-Verteidigungsministerium lässt zurzeit eine so genannte Land-Warrior-Ausrüstung entwickeln, die 2004 zum Einsatz kommen soll. Die Soldaten sollen dann einen Pentium-Rechner mit Funkverbindung und Global Positioning System (GPS) am Körper tragen. Vor den Augen haben sie einen Minibildschirm, der gleichzeitig als Restlichtverstärker bzw. als Infrarot-Nachtsichtgerät fungiert.

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