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27.01.2003

07:46 Uhr

Mit „Near Water“ will die Industrie weltweit neue Impulse setzen

Trendgetränke aus dem Chemiebaukasten

VonIngo Reich

Man nehme preiswertes Tafelwasser, füge ein paar Vitamine und Spurenelemente hinzu, mixe etwas Süßstoff und Aromen hinein und fülle die Flüssigkeit in eine attraktive Kunststoffflasche: Fertig ist das Trendgetränk.

BAD NEUENAHR. Nun muss die Marketingabteilung nur noch einen wohlklingenden Namen wie "Aquana", "Aquafina" oder "Powerade" finden und reichlich Geld für eine Werbekampagne in die Hand nehmen.

"Near Water" - beinahe Wasser - heißt das Rezept, mit dem die Getränkeindustrie weltweit neue Impulse setzen will und Sport- Drinks oder Wellness-Getränke, abgestimmt auf den Geschmack junger Verbraucher, auf den Markt bringt. In Deutschland wuchs der Absatz dieser Softdrinks im vergangenen Jahr um erstaunliche 116 %. Die meist auffällig gestalteten Flaschen haben nach GfK-Angaben bei alkoholfreien Getränken bereits einen Marktanteil von 10 %. Neben den weltweit führenden Getränkeherstellern wie Coca-Cola, Pepsico, Nestlé und Danone haben inzwischen auch viele mittelständische deutsche Mineralbrunnen Near- Water-Produkte im Sortiment.

Günter Birnbaum, Abteilungsleiter für den Bereich "Getränke" bei der GfK, hat die Ursachen für das explosive Wachstum der Near- Water-Drinks erforscht. Demnach haben jüngere Konsument bis zu einem Alter von 35 Jahren eine Abneigung gegen stark sprudelnde Getränke entwickelt. "Sie empfinden zu viel Kohlensäure als unangenehm und unbekömmlich", berichtete Birnbaum in der vergangenen Woche auf einem Getränke-Kongress der Akademie Fresenius in Bad Neuenahr. Sowohl junge Singles als auch jüngere Paare greifen deshalb im Getränkemarkt vorzugsweise zu den Stillen Wässern, von denen auch ein Großteil der trendigen Wellness-Getränke abstammt.

Immer mehr deutsche Verbraucher haben im vergangenen Jahr bei einem durchschnittlichen Pro- Kopf-Verbrauch von rund 266 Litern alkoholfreier Getränke dem Wasser mit wenig oder ohne Kohlensäure den Vorzug gegeben. Im Wasser-Bereich erreichten die Stillen Wässer insgesamt ein Wachstum von 16 %. "Dabei geht nur ein Drittel des Zuwachses auf das Konto des Verdrängungswettbewerbes, zwei Drittel sind neue Konsumenten", beschreibt Birnbaum die Marktentwicklung. Zudem erzielt die Branche mit den Stillen Wässern im Handel deutlich höhere Verkaufspreise als mit dem üblichen 12er-Brunnenkasten.

Dabei treibt die Innovationsfreude deutscher Mineralbrunnen manchmal seltsame Blüten. Mehrere Brunnen haben inzwischen ein Near-Water-Produkt im Programm, das mit Sauerstoff angereichert wurde. Vielfach suggeriert die Werbung für diese Wässerchen, dass die Getränke womöglich auch die Sauerstoffversorgung von Freizeitsportlern steigern könne.

"Eine Gefährdung tritt nicht auf. Das ist das Einzige, was sich mit absoluter Sicherheit sagen lässt, berichtet Prof. Wolfgang Marktl vom Institut für Physiologie an der Universität Wien über die Wirkung des Sauerstoff-Drinks.

Bekannt durch ihre bundesweite TV-Kampagne für den "Powerstoff mit Sauerstoff" wurde die Adelholzener Alpenquellen GmbH aus dem bayerischen Siegsdorf. Stefan Hoechter, Geschäftsführer der Gesellschaft, die sich zu 100 % im Eigentum der "Kongregation der Barmherzigen Schwestern vom heiligen Vinzenz von Paul" befindet, quälten zunächst leichte "ethische Bedenken" angesichts der aggressiven Vermarktung mit einer möglicherweise zweifelhaften Werbebotschaft. Doch eine Umsatzsteigerung des christlichen Brunnens von insgesamt fast 15 % im vergangenen Jahr hat sein Gewissen schnell beruhigt. Denn alle Gewinne aus dem Unternehmen, das Ordensfrauen als alleinige Gesellschafter betreiben, fließen karitativen Einrichtungen zu.

Kein karitativer Impuls, sondern der forsche Kampf um Marktanteile treibt hingegen den deutschen Marktführer im Mineralwasser- Bereich, die Gerolsteiner Brunnen GmbH & Co., dazu, den Wettbewerb mit Nestlé (Vittel) und Danone (Evian, Volvic) im Bereich der Stillen Wässer aufzunehmen. Die Brunnenbetreiber aus der Eifel launchen derzeit mit einem Gesamtaufwand von mehr als 10 Mill. Euro ein Wasser namens "Naturell", nachdem sich ihre bisherige "stille" Marke "Excelsis" als absoluter Flop herausgestellt hatte.

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