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27.06.2000

11:04 Uhr

Mit unterschiedlichen Methoden versuchen Firmen, den Wechsel des Chefpostens zu bewältigen.

Nachfolger dringend gesucht - Schwieriger Generationswechsel in Unternehmen

VonKonstantin Richter

Andre Leysen stand mehr als 30 Jahre an der Spitze der belgischen Investmentgesellschaft Gevaert. Dann zog er sich mit einem Doppelstreich zurück. Im vergangenen Jahr übergab Leysen den Posten des Vorstandsvorsitzenden an seine rechte Hand, den 54-jährigen Marc Francken. Im April teilte der Altmeister des belgischen Kapitalismus den Aktionären mit, dass Ferdinand Chaffart, ehemaliger Chef der belgischen Generale Bank S.A., seine Nachfolge als Aufsichtsratsvorsitzender übernehmen werde.

Die Nachfolge bei Gevaert war "ein Prozess, der sorgfältig durchdacht war", sagt der 73-jährige Leysen. Nach reiflicher Überlegung hätten er und andere Gevaert-Manager sich entschlossen, den eigenen Doppelposten durch eine Doppelspitze zu ersetzen. "Wir hielten es für notwendig zu modernisieren, da das Unternehmen so groß geworden ist", sagt er. "Ich war ein Sonderfall." Leysen ist tatsächlich ein Sonderfall: Nur wenige Chefs halten sich über drei Jahrzehnte hinweg an der Spitze eines Unternehmens, bevor sie sich Gedanken über die eigene Nachfolge machen. Weil Aktionäre und Aufsichtsräte Vorstandsvorsitzende stärker zur Rechenschaft ziehen denn je, haben die meisten Unternehmen auch einen Plan für die Nachfolge parat.

Die Zeit, die der durchschnittliche Vorstandsvorsitzende an der Spitze verbringt, sinkt, während die Anforderungen steigen. Einer Studie des Europäischen Verbands der Personalberater zufolge erwartet denn auch eine Mehrheit europäischer Vorstandsvorsitzender, dass der eigene Nachfolger sie in vieler Hinsicht - zum Beispiel an internationaler Erfahrung und der Fähigkeit, ausländische Mitarbeiter zu integrieren - übertrifft. Wie also sieht die perfekte Nachfolgeregelung aus? Obwohl sich die Mehrheit der Manager und Aufsichtsräte der enormen Wichtigkeit einer sorgfältigen Planung bewusst ist, eignen sich Fallstudien nicht immer für Verallgemeinerungen. Unternehmensberater und Analysten haben zum Beispiel immer wieder Coca-Cola für die angeblich optimale Nachfolgeregelung gelobt. Aber kaum zwei Jahre nachdem der legendäre Robert C. Goizueta im Oktober 1997 starb, musste sein sorgfältig auf die Aufgabe vorbereiteter Nachfolger abdanken: Douglas Ivester geriet ins Kreuzfeuer der Kritik, weil er bei wichtigen Entscheidungen die guten Ratschläge von Mitarbeitern und Aufsichtsratsmitgliedern ignorierte.

Das größte Problem: Der Chef selbst

Ein Teil der Nachfolgeproblematik beruht auf der Schwierigkeit vorherzusagen, wie sich einzelne Manager, aber auch ganze Unternehmen unter veränderten Umständen verhalten werden, meint Maury Peiperl, Professor an der angesehenen London Business School: "Das große Problem der Nachfolge spiegelt die Frage wider, inwieweit man den Weg eines Unternehmens vorhersehen kann, insbesondere, wenn es sich in turbulenten Märkten bewegt." Das größte Hindernis auf dem Weg zur erfolgreichen Nachfolgeplanung kann natürlich auch der Chef selber sein. In Italien zum Beispiel setzen die wenigsten Unternehmen ein Ruhestandsalter fest und lassen auch über 70-Jährige noch jahrelang gewähren.

Enrico Cuccia, der Gründer der mächtigen Mediobanca, hat sich zwar offiziell schon vor Jahren zurückgezogen und nur noch den Ehrenvorsitz beibehalten. Aber in Wirklichkeit ist der 92-Jährige bis zum April am Ruder geblieben, als er mit gesundheitlichen Problemen ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Sein bevorstehender Abschied vom Geschäft wird nach Ansicht von Experten nicht nur bei Mediobanca lang erwartete Veränderungen einleiten, sondern auch bei zahlreichen Schlüsselunternehmen Italiens, die Mediobanca kontrolliert.

Ein allzu langes Festhalten an der Machtstellung ist denn auch ein Szenario, das viele Unternehmen und Aufsichtsräte vermeiden wollen. Eine Vielzahl von holländischen Unternehmen hat deswegen ein relativ frühes Ruhestandsalter zwischen 60 und 65 Jahren für Führungskräfte durchgesetzt. Als der damals 58-jährige Godfried van der Lugt die Führung bei der holländischen Bank- und Versicherungsgesellschaft ING Group übernahm, versprach er, sich als 60-Jähriger zur Ruhe zu setzen.

Im vergangenen Monat hielt er sein Versprechen und gab den Posten an seinen 56-jährigen Vize Ewald Kisten ab. Um den Nachfolgeprozess so glatt wie möglich zu gestalten, kündigte das Unternehmen den Führungswechsel acht Monate im Voraus an. "Ich habe meine Aufgaben erfüllt und bin überzeugt, dass ich ING in guter Form hinterlasse? Es gibt keinen besseren Zeitpunkt zu gehen", schrieb van der Lugt in einem internen Brief an die Mitarbeiter.

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