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28.01.2004

09:02 Uhr

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MITTELSTÄNDISCHES FIRMENKUNDENGESCHÄFT VERSPRICHT HOHES ERTRAGSPOTENTIAL FÜR EUROPÄISCHE BANKEN

Deutschland stellt nach Großbritannien den zweitgrößten nationalen Einzelmarkt in Europa im ...

Deutschland stellt nach Großbritannien den zweitgrößten nationalen Einzelmarkt in Europa im Bankgeschäft mit mittelständischen Unternehmen (mit Umsätzen zwischen 10 und 250 Milo. €) dar. Hierzulande erzielten Banken im Jahr 2003 insgesamt einen Rohertrag von 7,2 Mrd. €, wobei klassische Bankdienstleistungen wie der traditionelle Bankkredit und Zahlungsverkehrsprodukte das deutsche Mittelstandsgeschäft immer noch klar dominieren. Insgesamt verbuchten europäische Banken letztes Jahr einen geschätzten Rohertrag von 37 Mrd. € und erwirtschafteten dabei ein operatives Ergebnis vor Steuern und Risikokosten von 14,5 Mrd. €. Dies zeigt eine am 27. 1. 2004 veröffentlichte Studie der auf den Banken- und Finanzsektor spezialisierten Unternehmensberatung Mercer Oliver Wyman.
In Europa hätten Banken durch ihr Geschäft mit mittelständischen Firmenkunden einen Wertbeitrag von insgesamt 1,1 Mrd. € erwirtschaften können. Wenn man die Länder untereinander vergleiche, zeige sich allerdings, dass die Rentabilität dieses Segments innerhalb Europas große Unterschiede aufweise. Während einige nationale Märkte für die Banken sehr profitabel seien, seien andere zurzeit noch unwirtschaftlich. So hätten z.B. britische Banken 2003 sehr attraktive risiko-adjustierte Kapitalrenditen (RAROC) von 30 % vor Steuern erzielt, während deutsche Banken im Durchschnitt nur 6 % hätten erwirtschaften können.
Das Geschäft mit mittelständischen Firmenkunden, das im internationalen Kontext auch als Business Banking bezeichnet wird, stelle für viele europäische Banken durch seine Größe und die stabilen Umsätze auf Basis gewachsener Kundenbeziehungen ein sehr wichtiges Standbein dar. Dennoch schenkten sowohl Bank Manager als auch Aktien Analysten diesem Geschäftsfeld bisweilen zu wenig Beachtung. Sie hätten sich stattdessen in den letzten Jahren im Firmenkundengeschäft vor allem auf die internationale Expansion des Geschäfts mit Großkunden konzentriert. Als Folge davon würden die Potenziale im mittelständischen Firmenkundenbereich oft unterschätzt. Durch die mangelnde Fokussierung auf diesen Sektor und fehlende Investitionen verschenkten viele europäische Banken ein beträchtliches Potenzial zur Steigerung ihres Wertbeitrags. Dieser ließe sich laut Mercer Oliver Wyman im europäischen Durchschnitt über die nächsten fünf Jahre mehr als verdoppeln.
Für die Attraktivität des Business Banking als Kundensegement in Europa sprächen vor allem die Stabilität und Nachhaltigkeit der Erträge sowie die gefestigten Marktpositionen der einzelnen Banken. Bisher sei es vielen Banken in Europa allerdings nicht gelungen, die Potenziale im Business Banking voll auszuschöpfen und in positive Wertbeiträge zu verwandeln.
Einheimische Banken generieren nach Schätzung von Mercer Oliver Wyman immer noch über 90 % der Umsätze mit den jeweils nationalen Business Banking Kunden - ein signifikanter Unterschied zum Großkundengeschäft. Das im Mittelstandsgeschäft noch immer dominante “Relationship Banking“ auf Basis gefestigter lokaler Kundenbeziehungen diene den Interessen von Firmen und Banken gleichermaßen: Für die meisten mittelständischen Firmen in ganz Europa seien Bankkredite immer noch ein lebenswichtiges Finanzierungsinstrument. Nach wie vor seien viele von ihnen zu klein, um sich am Kapitalmarkt oder über Private Equity-Investoren zu finanzieren, jedoch zu groß, um allein aus Eigenmitteln zu wachsen. Aus Banksicht sei die gefestigte Kundenbeziehung mangels zuverlässiger extern verfügbarer Kundeninformationen von herausragender Bedeutung - sowohl, um die Kreditwürdigkeit des Kunden zu überprüfen, als auch, um seine Finanzierungsbedürfnisse zu ermitteln. Gleichzeitig weise das Business Banking-Segment sehr viel geringere Schwankungen auf als das Geschäft mit Großkunden und multinationalen Unternehmen, das immer wieder durch extrem ausgeprägte Boom- und Verlustphasen in die Schlagzeilen gerate.
Nach Auffassung von Mercer Oliver Wyman können Banken in Gesamteuropa mit einem "Best Practice"-Ansatz einen zusätzlichen Wertbeitrag von insgesamt über einer Milliarde Euro erreichen. Laut Mercer Oliver Wyman zeigen sich die erheblichen Verbesserungspotenziale zum einen in den Unterschieden zwischen einzelnen europäischen Ländern. Zum anderen bestehen aber auch erhebliche Unterschiede zwischen den jeweils besten und schlechtesten Banken innerhalb eines Landes. Auch hierzulande können die führenden Banken eine um mehrere Prozentpunkte höhere risiko-adjustierte Kapitalrendite verbuchen als der Marktdurchschnitt - trotz des vergleichsweise schwierigen Marktumfeldes und obwohl der deutsche Markt insgesamt im direkten Rentabilitätsvergleich noch immer das Schlusslicht in Europa bildet.

Quelle: FINANZ BETRIEB, 28.01.2004

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