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18.02.2002

06:40 Uhr

Mobile Publishing

Memoiren eines GSM-Handys - Eine Geschichte aus der Zukunft

VonOlaf Deininger ( Geschäftsführer bei Mediaone, Hamburg)

Das eine Gerät, das alles kann - Telefonieren, Rechnen, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und dabei nur so groß ist wie eine Zigarettenschachtel, hat es nie gegeben. Stattdessen machen die Netzbetreiber ihre Umsätze mit mobilen Inhalten - ein Zukunftsszenario.

Eigentlich sollte ich längst ausgemustert sein. Denn es gibt heute - am 18.02.2004 - viel bessere, schnellere, moderne und schickere Modelle. Vor allem die neuen Triband-Handys. So werden die Geräte bezeichnet, die sowohl für GSM, für GPRS als auch für UMTS ausgerüstet sind. Technisch ist diese Bezeichnung zwar nicht ganz richtig, aber das stört nur Techniker und Experten. Doch anstatt auf der Halde für Eletronikmüll zu liegen, friste ich heute meine Existenz im Jugendzimmer - aber davon später mehr.

Die neuen Geräte braucht jetzt - Anfang 2004 - jeder. Denn UMTS gibt es zwar schon seit einem halben Jahr, aber nur in den Großstädten. Kleinstädte und Dörfer werden nach wie vor per GPRS oder GSM versorgt. Und wer auf "mobile Kommunikation" angewiesen ist, der braucht eben alle drei Netze. Außerdem piepen die Geräte so schön, wenn sie auf ein anderes Netz umschalten.

Handys haben größere Farb-Displays bekommen, aber nicht alle. Die Farbbildschirme schlucken ziemlich viel Storm. Und wer auf lange Stand-by-Zeiten angewiesen ist, benutzt lieber Geräte mit kleinen Displays. Auch die kleinen postkartengroßen Organizer haben mittlerweile gelernt zu telefonieren. Und auch Laptops werden überwiegend mit serienmäßiger Bluetooth-Schnittstelle oder GPRS/GSM-Telefoneinheit aufgestattet. Nur die Leute, die mit mittels ihres Computers telefonieren, sehen noch recht ungewohnt aus.

Das eine Gerät, das alles kann - Telefonieren, Rechnen, Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und dabei nur so groß ist wie eine Zigarettenschachtel, hat es nie gegeben. Und irgendwann gaben die Verbraucher es auf, daran zu warten. Stattdessen sind viele unterschiedliche Geräte in Gebrauch, die alle mobil Kommunizieren und unterschiedliche Funktionen optimal erfüllen. Ein Excel-Chart auf einem 160 mal 160 Pixel großen Bildschirm studieren zu müssen, ist tatsächlich nicht nur anstrengend, sondern auf Dauer auch unmöglich.

Der Wettbewerb mit und um die mobilen Contents ist heute in vollem Gange: Den Netzbetreibern wurde schnell klar, dass sie ihre teuren UMTS-Lizenzen nicht durch Sprachkommunikation refinanzieren können. Also müssen Inhalte die Umsätze machen. Und deshalb versuchen sich die Carrier heute mit "exklusiven" Inhalten vom Wettbewerb abzusetzen und ringen um entsprechende Vereinbarungen mit den Medienunternehmen. Denen ist das aber gar nicht so recht.

Da die Gewinnspannen in diesem Geschäft eher gering sind (ähnlich wie im Einzelhandel!), verfolgen die Medien eher die Strategie, ihre Inhalte über die Netze sämtlicher Betreiber zu verbreiten. Auch i-Mode, der Erfolgsdienst aus Japan, musste seinen praktisch proprietären Standard aufgeben und versteht sich heute in erster Linie als Marke - fürs mobile "Time Killing und "Time Saving".

Die Polarisierung der Medienlandschaft in Häuser, die die Entwicklung des "Mobile Publishing" wesentlich bestimmen und der anderen Gruppe, die hinterherhinken, ist in etwa so geblieben. Und wer sich Mitte 2002 wegen der schlechten Internet-Erfahrungen davon abhalten ließ, sich in dieses Thema einzulassen, ärgert sich heute.

Was viele übersehen hatten: Mobile Publishing hatte schon Mitte 2002 das, worum Internet-Publishing noch kämpfte: Ein funktionierendes Micropayment-System (Prepaid und 0190), die Zahlungsbereitschaft des Kunden und - außerordentlich wichtig: Die Netzbetreiber konnten anders als die Internet-Provider keinen Zugang zu bereits vorhandenen Inhalten verkaufen (Was das Zugangsgeschäft zum Internet leicht machte, war die Tatsache, dass es das WorldWideWeb schon gab und jeder es sehen wollte; was es schwierig machte, war der harte Wettbewerb). Die Carrier waren also gezwungen, sich selbst um die Herstellung dieser Inhalte zu kümmern. In dieser Situation hatten die Medienunternehmen gute Karten ihre Konditionen durchzusetzen.

Doch gleichzeitig tauchte eine neue Gefahr am Horizont auf: Werbetreibende im mobilen Bereich brauchten die mobilen Applikationen und Dienste der Verlage nicht mehr. Denn die technischen Dienstleister für mobile Kampagnen brachten die Zielgruppe (und damit die Reichweite) gleich mit. Mit anderen Worten: Werbetreibende waren in mobilen Bereich nicht auf die Medien und deren Aktivitäten angewiesen. Seitdem entwickeln Verlage und Content-Provider fieberhaft Geschäftsmodelle, wie sie den mobilen Werbemarkt knacken können. Und das ist bis heute so. Während die Nachzügler versuchen, sich mit ihren schlechten Konditionen abfinden.

Doch Totgesagte leben länger: Die größten Umsätze machte bis Mitte 2003 SMS, später seine größeren Brüder EMS und MMS. Ein Umstand, dem ich übrigens die Tatsache verdanke, dass ich heute noch in Betrieb bin. Denn nachdem Papa mich ausgemustert hat, übernahm mich Sohnemann zum SIMSEN. Und SMS verschicken, das tut er heute noch.

Anmerkungen des Autors: Prognosen haben bekanntlich den Nachteil, dass sie sich auf die Zukunft beziehen - und damit genauso unkalkulierbar werden wie die Zukunft selbst. Dieses Risiko muss man eingehen, wenn man ein Zukunftsszenario verfasst. Dass man nämlich in ein oder zwei Jahren als der Dumme dasteht, weil sich die Dinge ganz anders entwickelt haben. Was wiederum daran liegt, dass ein winziges Detail sich anders entwickelte als angenommen. Das berühmte Schlagen eines Schmetterlingsflügels in China, das für den Orkan sorgt, der im amerikanischen Mittelwesten ganze Kleinstädte entwurzelt. Trotzdem sollte man das Risiko eingehen. Denn eigentlich möchte man über das hier und heute etwas sagen - und wählt aus gutem Grund diese riskante Perspektive. Denn wer steuert schon sein Auto gerne auf die Weise, dass er dazu in den Rückspiegel schaut?

Schreiben Sie dem Autor: olaf.deininger@mediaone-hh.de

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