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13.01.2003

08:43 Uhr

Mode-Mittelständler Günter Dahms fordert mit seinem Team Coast die Telekom heraus

Von Ziellinie und Zielgruppe

VonMichael Freitag (Handelsblatt)

Am Freitag die Lizenz, wohl schon am kommenden Mittwoch Jan Ullrich: Das Essener Team Coast bekommt in diesen Tagen, was es will. Hinter der Mannschaft steht der mittelständische Modeunternehmer Günter Dahms - Porträt eines Radsportverrückten.

DÜSSELDORF. Die bodenständige Radsportszene staunte, als Ende der 90er-Jahre Günter Dahms auftauchte: "Da fuhr plötzlich einer im Ferrari vor", staunt ein Teamleiter noch heute. "Als Mannschaftswagen hatte der gleich einen AMG-Mercedes, mit Alu-Felgen natürlich - genau das Richtige, wenn es in Holland über Kopfsteinpflaster geht."

Günter Dahms, 56, Modefilialist und Radsportfan, ist der Mann, der wohl Jan Ullrich verpflichten wird. Am Freitag erteilte der Internationale Radsportverband UCI Dahms? Team Coast die Lizenz für die erste Radsportliga GS-I, übermorgen schon könnte Ullrich in Essen der Öffentlichkeit präsentiert werden. "Ich denke nicht, dass noch etwas schief gehen wird. Das geht in den nächsten Tagen über die Bühne", sagte Dahms gestern. Er werde aber noch das Ergebnis einer ärztlichen Untersuchung Ullrichs abwarten. Dessen Manager Wolfgang Strohband bestätigte, "wir verhandeln nur noch über Details".

Ullrich würde damit bei einem mittelständischen Unternehmer landen, aus dem die Radsportszene auch nach vier Jahren Team Coast nicht recht schlau wird. Dahms gilt als Fan, als einer, dem die Ziellinie beim Radrennen wichtiger ist als die Zielgruppe und die Werbewirkung für seine Modekette Coast. "Ich habe ihn als Radsport-Verrückten kennen gelernt", sagt Coast-Fahrer Malte Urban, der schon seit vier Jahren für Dahms fährt: "Er hat von Anfang an dafür gesorgt, dass alles nur vom Besten ist. Die Fahrräder von Colnago und jetzt Bianchi, die besten Laufräder, sogar der Teamwagen."

Dahms? 17 Coast-Filialen, alle in Nordrhein-Westfalen, verkaufen unter gewaltigem Bassgewummer Mode für Teens und Twens - nicht eben eine Käuferschicht, die für ihre Radsportbegeisterung bekannt ist. Dahms interessiert das offenbar nicht: "Wir setzen bei ordentlicher Rendite 50 Millionen Euro pro Jahr um - und das Werbebudget von acht bis neun Prozent des Umsatzes geht voll in den Radsport.

Eine ausgeklügelte Marketingstrategie für das Team gibt es bislang nicht. Ein Vermarkter erzählt verständnislos, wie er Dahms ein Werbekonzept für den Bochumer Sparkassengiro, ein internationales Radrennen mitten im Coast-Land NRW, vorgestellt habe: "Den hat das überhaupt nicht interessiert."

Selbst Co-Sponsoren werden nicht gerade hofiert. Seit Mai fahren die Coast-Profis Werbung für das Sportgetränk Powerade. Auf der Internetseite des Teams aber tragen die Fahrer noch Hosen mit der Aufschrift "Coast" - obwohl dort sei Mai "Powerade" steht. "Für uns kommt der sportliche Erfolg zuerst", sagt Dahms. "Aber wir arbeiten an Konzepten, wie wir das Team in Zukunft besser vermarkten können."

In Zukunft, das heißt Tour de France, das Ziel, auf das Dahms teilweise in 16-Stunden-Tagen hingearbeitet hat ("ich führe doch zwei Unternehmen gleichzeitig"). In diesem Sommer werden die Coast-Profis, eine mit Weltklassefahrern wie Alex Zülle und Angel Casero, beide Gewinner der Spanien-Rundfahrt, gespickte Truppe, erstmals in Frankreich antreten. Und dann, so Dahms, "wird die Marke Coast in ganz Europa bekannt werden".

Dahms wohnt in Mülheim, er trägt die Haare im Nacken ruhrpottlang, und auch sein breiter Slang verrät, wo er herkommt. Interviews vermeidet er, wenn eben möglich, den großen Auftritt überlässt er anderen. Ein Journalist erinnert sich fast gerührt daran, wie Dahms vor zwei Jahren im Berliner Reichstag sein Team präsentierte. Beziehungsweise präsentieren ließ: "Dahms hat den sportlichen Leiter Wolfram Lindner reden lassen. Er selbst hat hinten im Publikum gestanden und sich gefreut wie ein Kind."

Heute steht die Mannschaft auf Platz fünf der Weltrangliste, weit vor dem lange übermächtigen Team Telekom, und Dahms gerät ins Schwärmen, wenn er über die Spanien-Rundfahrt 2002 erzählt, als "wir in der Mannschaftswertung nur um eine Minute den Sieg verpasst haben". Und wo war die Telekom? "Die hatten vier Stunden Rückstand, stellen Sie sich das vor."

Trotz der Erfolge zweifeln viele in der Radsportszene weiter an Dahms. Ein mittelständisches Unternehmen soll gut vier Millionen Euro in den Radsport investieren? Das erscheint ihnen nicht geheuer. "Die Szene rätselt, woher das Geld kommt", erzählt ein Insider. Dahms verweist dann schon mal darauf, dass er vor zwei Jahren den Wirtschaftspreis "Milestones" gewonnen hat. So schlecht könne er als Unternehmer also wohl nicht sein.

Ärger bereiten ihm vier Fahrer, die noch Geld fordern und gegen das Team klagen wollen. Dahms hat auch dafür eine Erklärung. Und Coast-Profi Urban sagt, er habe sein Gehalt stets bekommen - wenn auch "mal zwei Gehälter auf einmal, um auszugleichen".

Und jetzt auch noch Ullrich und mit ihm im Paket Betreuer Rudy Pevenage, Radprofi Tobias Steinhauser und Trainer Peter Becker. Die vier kosten für drei Jahre geschätzte fünf bis sieben Millionen Euro. Ein neuer Co- Sponsor werde die Kosten in Grenzen halten, sagt Dahms: "Wir haben drei Interessenten, einer davon möchte sogar in den Namen aufgenommen werden. Wenn Ullrich kommt, klappt das."

Und Dahms will Ullrich. So wie er 1990 einen anderen Rennfahrer wollte. Besuchern zeigt er gerne ein Bild eines jungen Formel-3-Fahrers: Michael Schumacher, auf dem Rennanzug ein Coast-Aufnäher.

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