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23.01.2008

12:15 Uhr

Möbelmesse

Der Sitzmythos

VonPaolo Tumminelli

Wer Kölns Internationale Möbelmesse (IMM) – weltweit die größte Einrichtungsmesse – und die damit verbundenen Passagen-Events besucht, der sollte sich nicht vom Prädikat „Design“ blenden lassen. Während sich auf der IMM eine von Einfallslosigkeit geplagte Industrie präsentierte, glänzte der stillose Stuhl Myto mit Innovationskraft.

Eine Mischung aus plastisch und kantig, voluminös und schlank. Der Myto, die Design-Neuheit auf der IMM in Köln. Foto: Handelsblatt

Eine Mischung aus plastisch und kantig, voluminös und schlank. Der Myto, die Design-Neuheit auf der IMM in Köln. Foto: Handelsblatt

HB. Mehr als ein Marketing-Gag ist es nicht, denn die IMM bietet die buntesten Möglichkeiten der biederen, massen-individualiserten Selbstdarstellung – darunter auch – aber nicht nur – Design.

Eine Ausnahme war in diesem Jahr Myto, ein Projekt des Münchener Designers Konstantin Grcic für BASF – „the chemical company“. Dabei handelt es sich um einen sogenannten Freischwinger. Das ist kein Schimpfwort für untreue Ehemänner, sondern eine ganz besondere Kategorie von Stühlen, die ihren Ursprung im Modernismus haben. Es sind Sitzmöbel aus Stahlrohren – darunter ein immer noch produzierter Stuhl von Marcel Breuer. Sie fanden ihre Apotheose in der Pop-Ära, perfekt repräsentiert durch den bunten Panton-Chair. Beide Stühle sind heute Vertreter des Design-Stils – der eine ein „Klassiker“ und der andere aus den „60er-Jahren“.

Weil die Sitzfläche nicht auf den üblichen vier Füßen steht, sonder fast frei in der Luft schwebt, stellen Schwinger-Stühle eine konstruktive Herausforderung dar. Sie verlangen vom Gestalter viel Konstruktions- und Materialwissen, daher ist die Bewertung der Qualität weniger eine Stil- als eine wahre Designfrage. Wie bei Myto: Absolut gesehen, ist das in Köln präsentierte Projekt keine Neuheit, denn ein Prototyp des Stuhls wurde bereits 2007 auf der Düsseldorfer Kunststoffmesse vorgestellt. Doch das Produkt ist noch nicht serienreif, denn offiziell verkauft wird es erst ab April, anlässlich der Mailänder Möbelmesse. Daran sieht man, welche Anlaufzeit eine Innovation im Möbelbereich braucht, um an den Mann gebracht zu werden.

Der stapelbare, leichte Monoblock von Grcic besticht durch seine konsequente Stillosigkeit. Damit ist keineswegs eine mindere Gestaltungsqualität gemeint, denn das Produkt hat – abstrakt gesehen – durchaus Stil. Aber es entspricht keinem gängigen Stil, es passt in keine vorhandene Schublade.

Myto nutzt die Eigenschaften eines neuen Materials (Ultradur High Speed von BASF) und setzt diese in eine eigene Formsprache um. So ein Design hat zwar nicht so schnell die Chance, zum Massenprodukt zu werden, überzeugt aber den Kritiker. Was daraus ein Unternehmen lernen kann: Design braucht Zeit, um akzeptiert zu werden; hat es dies geschafft, besteht die einmalige Chance, Generationen zu überleben.

Paolo Tumminelli ist Designprofessor an der Fachhochschule Köln und Geschäftsführer von Goodbrands.

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