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07.01.2001

13:56 Uhr

Möglicherweise erster Deutscher an Balkan-Syndrom erkrankt

Bundeswehr lässt Balkan-Syndrom untersuchen

Kommentar: Nato kann EU-Sorgen nicht mehr ignorierenBalkan-Syndrom in Südeuropa

dpa BERLIN. In der Bundeswehr ist der erste Fall eines Leukämie kranken Soldaten bekannt geworden, der 1997 in Bosnien stationiert war. Ein Zusammenhang mit der von der Nato auf dem Balkan eingesetzten leicht radioaktiven Uran-Munition wird geprüft, von Verteidigungsministerium und Deutschem Bundeswehr-Verband aber als eher unwahrscheinlich eingestuft. Politiker und Verbände forderten am Samstag erneut umfangreiche Aufklärung über den Einsatz von Uran- Munition während der Kriege auf dem Balkan.

Der Ministeriumssprecher sowie der Chef des Bundeswehr-Verbandes, Bernhard Gertz, sagten übereinstimmend, sie rechneten mit weiteren ähnlichen Fällen. Bei der Zahl von 50 000 in Bosnien und dem Kosovo eingesetzten Soldaten sei es schon statistisch nahe liegend, dass es mehrere Leukämie-Fälle gebe, die aber nichts mit dem Abwurf der leicht radioaktiven Munition zu tun hätten. "Die Bundeswehr muss aber jedem Krankheitsfall präzise nachgehen", sagte Gertz.

Deutscher Soldat gilt mittlerweile als geheilt

ARD und "Bild"-Zeitung berichteten über den Fall eines Soldaten, der in der zweiten Jahreshälfte 1997 mit der Drohnenbatterie 1 aus Delmenhorst im bosnischen Mostar stationiert war und im Januar 1998 an Leukämie erkrankte. Die "Bild"-Zeitung zitiert den Soldat mit den Worten: "Ich war sehr traurig, als die Bundeswehr bekannt gab, dass es keinen deutschen Soldaten gibt, der erkrankt ist. Denn sie wissen von mir."

Gertz zufolge ist er nach seiner Rückkehr nach Deutschland bei einem Marsch zusammengebrochen. Heute könne er als geheilt bezeichnet werden, da die Werte wieder im Normbereich lägen. Es laufe ein Wehrdienstbeschädigungsverfahren. Sollte festgestellt werden, dass sein Dienst als Soldat Schuld an der Erkrankung ist, hat er Anspruch auf finanzielle Unterstützung. Der Mann, der sich für vier Jahre verpflichtet hatte, sei als Zeitsoldat ausgeschieden.

Der Ministeriumssprecher sagte, in der Region Mostar sei die von den US-Streitkräften verwendete Uran-Munition nicht eingesetzt worden, doch könne nicht ausgeschlossen werden, dass der Soldat sich auch in anderen Gebieten aufgehalten habe. Die bislang 118 untersuchten und als gesund befundenen Soldaten aus dem Kosovo- Einsatz seien gezielt ausgesucht worden, da sie zu den Pionieren und den damit am meisten gefährdeten Männern zählten.

In Spanien sind unterdessen sechs weitere Fälle von Soldaten bekannt geworden, die nach ihrem Einsatz in Bosnien oder im Kosovo an Krebs erkrankt sind. Bislang waren nur zwei Fälle betroffener Soldaten publik geworden. Zwei der Erkrankten seien gestorben, hieß es. In Italien gibt es nach offiziellen Angaben 18 Verdachtsfälle, die auf das so genannte Balkan-Syndrom hin untersucht werden.

Der Sprecher der Vereinigung "Ärzte für die Verhinderung des Atomkriegs", Jens-Peter Steffen, sagte, die ehemaligen Kampfzonen seien mit hoher Wahrscheinlichkeit noch immer strahlenverseucht. Erfahrungen aus dem Golfkrieg zeigten, dass die Krebsrate unter Kindern nach dem Einsatz von Uran-Munition um das Siebenfache steigen könne, sagte Steffen im Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg.

Die Vorsitzende der Ethikkommission des Bundestags, Margot von Renesse (SPD), schrieb in der "Bild am Sonntag", sie halte die Verwendung von Uran-Munition für ein Kriegsverbrechen. "Es ist zynisch, von der Europäischen Union als Wertegemeinschaft zu sprechen und die Bevölkerung im Kosovo retten zu wollen, wenn dort gleichzeitig langfristig eine verstrahlte Umwelt hinterlassen wird."

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