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24.02.2006

11:47 Uhr

Moerschen aus Manhattan

Gefährliches Plastikgeld

Sie lauern an Flughäfen, in Bahnhöfen und in der Fußgängerzone – Deutschland wimmelt von Verkäufertypen, die arglosen Bürgern eine Kreditkarte aufschwatzen. In Amerika ist das hier schlicht „Plastik“ genannte Zahlungsmittel schon länger verbreitet.

Tobias Moerschen ist Korrespondent beim Handelsblatt.

Tobias Moerschen ist Korrespondent beim Handelsblatt.

Jeder erwachsene Amerikaner besitzt im Schnitt drei bis vier Kreditkarten. Die hiesigen Erfahrungen mit Kreditkarten lassen sich für deutsche Otto-Normal-Verbraucher auf zwei Worte reduzieren: Finger weg.

Die Kreditschulden der Amerikaner, auf englisch verniedlichend „Balance“ genannt, betragen mehr als zweitausend Dollar pro Einwohner – Kinder und Alte eingeschlossen. Dieses Jahr zahlen die US-Bürger mehr als 80 Mrd. Dollar Zinsen darauf.

Na und, fragen manche Volkswirte. Schließlich wird niemand gezwungen, Kreditkartenschulden aufzunehmen. Also ziehen die Leute wohl irgendeinen Nutzen daraus. So sagt’s die Wirtschaftstheorie des „Homo Oeconomicus“. Sie geht davon aus, dass Menschen rational handeln.

Nur leider versagt dieses Modell zumindest in New York. Dort scheint jeder über seine Verhältnisse zu leben: das tolle Kleid auf der Fifth Avenue, das Extra-Paar Schuhe in Soho, der Skitrip ins „Upstate New York“ genannte Hinterland – mit „Plastik“ bezahlt der New Yorker, was er sich eigentlich nicht leisten kann. Dass es später wegen der Kreditkartenzinsen von zehn bis zwanzig Prozent viel teurer wird, verdrängt man. Der Nobelpreisträger und Psychologe Daniel Kahneman spricht vom „myopischen Effekt“. Der bedeutet, dass Menschen unschöne künftige Ereignisse – zum Beispiel das Begleichen von Schulden – verdrängen zu Gunsten sofortiger positiver Erlebnisse.

Völlig irrational ist auch, dass viele Amerikaner parallel zu ihren Kreditkartenschulden ein Guthaben auf dem Sparkonto herumliegen lassen. Für die Kreditkartenausstände zahlen sie zehn bis zwanzig Prozent Zinsen, das Sparkonto bringt ihnen höchstens fünf. Jeder rationale Mensch würde sein Sparbuch plündern, um die teuren „Plastik“-Schulden loszuwerden.

Bevor die Kreditkartenbranche empörte Leserbriefe schreibt, sei klargestellt: Als bequemes Zahlungsmittel, Statussymbol oder Polster für vorübergehende Bargeldflauten hat „Plastik“ seine Berechtigung. Aber viele Leute können der Verlockung nicht widerstehen, zu viel auszugeben. Sie sollten besser altmodisch in bar bezahlen.

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