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31.01.2002

00:45 Uhr

Moratorium hilft nicht weiter

Forscher brauchen embryonale Stammzellen

VonCatrin Bialek

Sollte sich der Bundestag für einen Import-Stopp entschließen, wäre dies aus Sicht der Wissenschaft gleichbedeutend mit einem Votum gegen die Humangenetik.

HB DÜSSELDORF. "Wir diskutieren schon so lange", stöhnt Claus Bartram, Humangenetiker an der Universität Heidelberg. Wenn der Bundestag tatsächlich ein Moratorium, also einen Importstopp von humanen embryonalen Stammzellen befürworte, sei dies gleichbedeutend mit einem Votum gegen diesen Bereich der Gentechnologie. Denn die Stammzellforschung entwickele sich rasant schnell - nicht weniger schnell würden die entsprechenden Patente dazu angemeldet.

Deutschland gerät bei der Stammzellforschung ins Hintertreffen: Diese Sorge teilen derzeit viele Wissenschaftler. So wies gestern auch der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Ernst-Ludwig Winnacker, darauf hin, dass ein einmal ausgesprochenes Moratorium nur sehr schwer wieder aufzuheben sei. Das Ziel der Wissenschaftler, endlich Rahmenbedingungen für die embryonale Stammzellforschung zu erhalten, würde somit in weite Ferne rücken.

Dabei gibt es bundesweit nur eine Hand voll Forscher, die auf dem Gebiet der humanen Stammzellforschung arbeiten. Otmar Wiestler und Oliver Brüstle von der Universität Bonn haben sich als Erste an die Öffentlichkeit gewagt und mit ihrem DFG-Antrag zur Erforschung embryonaler Stammzellen eine heftige Diskussion ausgelöst. Als eine Tageszeitung die Privatanschrift Brüstles veröffentlichte, musste seine Familie sogar unter Polizeischutz gestellt werden. Wie lange die Hängepartie noch weitergeht, ist ungewiss: Auf Druck der Politik wird der DFG - Hauptausschuss auch auf seiner nächsten Sitzung am morgigen Mittwoch nicht über den mittlerweile einjährigen Antrag der Bonner entscheiden.

Welle der Empörung

Dies alles ermuntert deutsche Forscher nicht gerade, sich dem Vorhaben Brüstles und Wiestlers anzuschließen. Der nächste, der sich aus der Deckung traute, war der Biochemiker Stefan Rose-John von der Universität Kiel. Doch nach der Welle der Empörung, die seine Importpläne vergangene Woche auslösten, legte er sein Vorhaben schnell wieder auf Eis. Als weitere "Interessenten" bekannten sich der hannoversche Herzspezialist Axel Haverich sowie Peter Gruss vom Max-Planck-Institut für biochemikalische Physik in Göttingen. Aber: "Wir wollen uns nicht an den Pranger stellen lassen, zuerst muss es einen gesellschaftlichen Konsens geben", sagt Barbara Meyer, Mitarbeiterin von Gruss.

Wie groß der Kreis der Interessenten noch wird, ist jedoch unklar. Denn an embryonale Stammzellen könnten viele Wissenschaftler forschen - egal, ob sie sich derzeit mit Nerven, Herzen oder Gewerbe beschäftigen. Eines haben sie allerdings gemeinsam: Sie müssen eine der weltweit drei Stammzelllinien anzapfen, die sozusagen als die Mütter aller weiteren Stammzellen dienen. Diese hüten der kommerzielle Anbieter ES Cell International aus Australien sowie die Universität von Wisconsin, die mit dem kalifornischen Biotech-Konzern Geron kooperiert. Schließlich zählt noch der israelische Forscher Joseph Itskovity vom Rambam Medical Institute Center in Haifa zu den Inhabern einer Stammzelllinie. Dicht auf der Spur ist den dreien der britische Wissenschaftler Austin Smith, der jedoch nach eigenen Aussagen "trotz zahlreicher Embryonen", die er bereits verbraucht hat, noch immer keine Zelllinie schaffen konnte. Etwas zurückhaltener gibt sich dagegen das schwedische Karolinska-Institut, das ebenfalls in der Forschung aktiv ist.

Alle Zelllinien, aus denen später die embryonalen Stammzellen entstehen, seien für die Forschung in Deutschland nur begrenzt geeignet, meint Humangenetiker Bartram. So gebe es das Problem der Rechte an diesen Zellen sowie einer nicht ausreichenden Qualität. "Allein um eine gewisse Doppelmoral zu vermeiden, müssen wir auch in Deutschland embryonale Stammzellen herstellen dürfen", fordert Bartram. "Deutschland steht ohnehin schon relativ isoliert da, im Ausland versteht uns doch ohnehin keiner mehr."

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