Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.01.2003

13:28 Uhr

Moschee schon lange im Visier der Geheimdienste

„Captain Hook“ predigt in „Londonistan“

Wenn Hollywood je einen Radikal-Islamisten in der Rolle des Bösewichts einplanen sollte, dann wird er wohl aussehen wie Abu Hamza, der Imam der Nordlondoner Zentralmoschee Finsbury Park: Turban, Vollbart, misstrauischer Blick, blindes linkes Auge ohne Pupille - und anstelle der rechten Hand ein stählerner Haken, der unwillkürlich an Piratenkapitän Captain Hook aus "Peter Pan" erinnert.

Abu Hamza hat seine Hand im Krieg zwischen Afghanistan und der Sowjetunion verloren. Foto: dpa

Abu Hamza hat seine Hand im Krieg zwischen Afghanistan und der Sowjetunion verloren. Foto: dpa

HB/dpa LONDON. Seit Jahren predigt Abu Hamza mitten in London den Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen. Am Montag nun hat die britische Staatsmacht zurückgeschlagen.

In der Nacht kreisen plötzlich Hubschrauber am Himmel und tauchen das vierstöckige Gebäude in grelles Scheinwerferlicht. Über 100 Polizisten in Kampfanzügen stürmen die Moschee mit Leitern und Rammböcken und nehmen sieben Personen unter Terror-Verdacht fest. Die Aktion stehe in Verbindung mit dem Fund des hochgiftigen Bio- Kampfstoffs Ricin in einer Nordlondoner Wohnung, erläutert Scotland Yard.

Nicht nur große Teile der britischen Presse hatten seit langem ein schärferes Vorgehen gegen Abu Hamza und seine "Extremisten-Moschee" verlangt. Auch das Ausland mahnte. In den USA steht Abu Hamza auf einer Schwarzen Liste; das FBI verdächtigt ihn, Nachwuchs für Osama bin Ladens Terrornetz El Kaida zu rekrutieren. Der Jemen hat seine Auslieferung beantragt, um ihn als Drahtzieher eines versuchten Bombenanschlags vor Gericht zu stellen. Auch andere moslemische Länder wie Saudi-Arabien, Ägypten und Pakistan haben an Großbritannien appelliert, ihn doch endlich zum Schweigen zu bringen.

Französische Sicherheitsexperten verspotten die britische Hauptstadt als "Londonistan", da dort islamische Terroristen ohne Risiko untertauchen könnten. Die Finsbury Park-Moschee gilt dabei als Zentrum der extremistischen Umtriebe, als "Ground Zero für radikale Moslems" (Time Magazine). Der "Schuhbomber" Richard Reid ist dort genauso ein- und ausgegangen wie der verhinderte angebliche "20. Attentäter" des 11. September, Zacarias Moussaoui, der britische Taliban-Kämpfer Feroz Abbasi und die vier Algerier, in deren Wohnung in diesem Monat Ricin entdeckt worden ist.

Doch die britische Regierung entgegnete lange, ihr seien im Fall Abu Hamza die Hände gebunden: So sei an eine Abschiebung nicht zu denken, weil der gebürtige Ägypter mittlerweile die britische Staatsbürgerschaft erworben hat. Erst der Ricin-Fund und der darauf folgende Polizistenmord in Manchester, verübt von einem algerischen Terror-Verdächtigen, haben die Regierung nun offenbar zu einem härteren Vorgehen veranlasst. Bisher hatte sie sich im Wesentlichen darauf beschränkt, die Moschee ständig vom Inlandsgeheimdienst MI5 überwachen zu lassen. Da die Gebetsstätte auch von algerischen und jordanischen Agenten frequentiert wird, haben sich die Spione zum Teil möglicherweise gegenseitig beschattet.

Abu Hamza selbst gehörte am Montag nicht zu den Festgenommenen, sondern gab über Telefon weiter seine Kommentare ab. Dabei hat der studierte Ingenieur, der als moslemischer Kämpfer in Afghanistan durch die Explosion einer Mine schwer verletzt wurde, ein genaues Gespür dafür, wie weit er gehen kann, ohne sich strafbar zu machen. Zwar hat er die Anschläge vom 11. September ganz öffentlich als "ehrenwerte Sache" gerühmt. Aber das fällt ja unter das Recht auf freie Meinungsäußerung, das er mit ebenso großer Regelmäßigkeit für sich in Anspruch nimmt, wie er zur Zwangsbekehrung der Ungläubigen aufruft.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×