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31.07.2000

12:53 Uhr

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Moshe Katsav wird überraschend israelischer Staatspräsidenten

Die Wahl des neuen israelischen Präsidenten im Parlament hat am Montag eine faustdicke Überraschung gebracht: Der neue Staatschef heißt Mosche Katsav. Im zweiten Wahlgang entschied sich die Mehrheit der Knesset-Abgeordneten für den konservativen Parlamentarier. Der hohe Favorit, Friedensnobelpreisträger Schimon Peres, musste eine bittere Niederlage hinnehmen.

Moshe Katsav

Moshe Katsav

dpa JERUSALEM. Katsav erhielt im zweiten Wahlgang 63 Stimmen, Peres 57. Der 55 Jahre alte Katsav war als Kandidat des rechtsgerichteten Likud-Blocks ins Rennen gegangen. Er galt bislang als politischer Hinterbänkler und ist im Ausland so gut wie unbekannt. Er wird Nachfolger des Anfang Juli zurückgetretenen Eser Weizman, der über einen Korruptionsskandal stürzte.

Der 76 Jahre alte Peres wirkte völlig geschockt, nachdem das Ergebnis bekannt gegeben worden war. Er hatte noch kurz vor der Abstimmung gesagt, dass er "bis zu 68" der 120 Knesset-Abgeordneten hinter sich wisse. Bereits im ersten Wahlgang zeichnete sich jedoch die Niederlage ab, Katsav lag mit 60 zu 57 Stimmen vorn. Siegessicher hatte Peres am Sonntag bereits sein Amt als Minister für regionale Zusammenarbeit niedergelegt.

Mit Katsav, dem achten Präsidenten Israels, wurde erstmals ein Kandidat aus den Reihen der Opposition in das nominell höchste Staatsamt gewählt. Das Ergebnis spiegelt nach Meinung israelischer Kommentatoren vor allem die Mehrheitsverhältnisse im Parlament wider, in dem die Regierung von Ehud Barak, deren Kandidat Peres war, nur noch maximal 50 der 120 Abgeordneten hinter sich hat.

Nach seiner Niederlage sagte der völlig erschütterte Peres: "Das einzige, was ich in diesem Augenblick sagen kann, ist Mosche Katsav zu seinem Sieg zu gratulieren und ihm Erfolg zu wünschen." Ob Peres nach der unerwarteten Niederlage seine Karriere beendet, war zunächst ungewiss.

Katsav meinte, die Abstimmung sei Ausdruck "des Wunsches der Parlamentarier, die israelische Gesellschaft zu einigen und die Spannungen zu verringern". Katsav, der aus Iran stammt und religiös ist, hatte in den vergangenen Wochen vor allem an die Vertreter der orientalischen und orthodoxen Juden im Parlament appelliert. Er hatte bereits vergangene Woche erklärt: "Ich habe die Wahl schon in der Tasche."

Oppositionsführer und Likud-Chef Ariel Scharon interpretierte das Ergebnis als Ausdruck des "Misstrauens der Knesset in die Regierung Ehud Barak", die sich noch am Montag drei Misstrauensanträgen der Opposition stellen musste.

Auch die Anhänger von Peres meinten, die Abstimmung sei "politisch" gewesen und nicht gegen Peres gerichtet. "Ich glaube, wir haben einen sehr guten Präsidenten verloren," meinte Finanzminister Avraham Schochat. Und der Vorsitzende der linksliberalen Meretz-Partei, Jossi Sarid, sagte enttäuscht: "Es gibt Tage, an denen man sich schämt, ein Mitglied der Knesset zu sein!"

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