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06.06.2000

22:02 Uhr

Moskau plant Ausbau der Nuklearwirtschaft für 21 Milliarden Dollar

Russland will westlichen Atommüll aufarbeiten

VonMathias Brüggmann

Moskau hat sich einen gewaltigen Ausbau seiner Kernenergie auf die Fahnen geschrieben. Die für den Bau von bis zu 40 Reaktoren notwendigen Gelder sollen durch die Aufarbeitung und Lagerung westlichen Atommülls erwirtschaftet werden. Deutschland und die Hanauer Atomfabrik von Siemens spielen dabei eine Schlüsselrolle.

MOSKAU. Russland will nach einem Plan des Atomministeriums Minatom bis zu 20 000 Tonnen westlichen Nuklearmülls einführen und aufarbeiten oder endlagern. Die jetzt von US-Präsident Bill Clinton und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin vereinbarte Verarbeitung von je 34 Tonnen Waffenplutonium beider Länder zu so genannten Mox-Brennelementen für zivile Atomkraftwerke verleiht diesen Plänen Schubkraft - denn auch das kann Russland allein nicht finanzieren.

Pjotr Sumin, Gouverneur von Tscheljabinsk, wo mit Majak die größte Atomanlage der Welt steht, sagte dem Handelsblatt: "Wir sind bereit zur Aufnahme großer Mengen westlichen Atommülls, und wir können ihn aufbereiten oder endlagern. Wir haben dazu die modernsten Anlagen. Wir bauen mit den USA ein neues Endlager und verhandeln bereits mit Bulgaren und Slowaken über die Lieferung von Atomabfällen." Wichtig sei ihm als Gouverneur eines durch mehrere schwere Atomunfälle stark verseuchten Gebietes, dass künftig nicht nur die Föderation, "sondern auch wir als Provinzen profitieren. Am Dienstag beriet eine Kommission des Föderationsrats (Oberhaus) unter Sumins Vorsitz über die Atommüllimport-Idee; eine endgültige Entscheidung wurde aber vorerst nicht gefällt.

Minatom will mit der Einfuhr von 20 000 Tonnen hochverstrahlten Resten aus westlichen Kernkraftwerken 21 Mrd. $ einnehmen, bestätigte Witalij Morosow von Minatom. 10 000 Tonnen West-Atommüll sollen zusammen mit dem US Non Proliferation Trust Inc. -Unternehmen (NPT), bei dem Ex-CIA-Direktor William Webster mitarbeitet, für rund 11 Mrd. $ nach Russland geholt werden. Zusammen mit NPT soll laut Sumin die Anlage Majak in der Ural-Stadt Osjorsk modernisiert werden. Dort hatte es 1957 und 1967 schwere Nuklearunfälle gegeben. Die Kapazität für weitere 10 000 Tonnen soll durch den Ausbau des Atommülllagers in Krasnojarsk geschaffen werden. Vor allem Japan, Taiwan, Südkorea, die Schweiz und Deutschland sollten demnach die russischen Endlager nutzen.

Dazu muss aber das russische Recht geändert werden, das Atommüllimporte untersagt. Der Duma liegt ein entsprechender Gesetzentwurf vor. Widerstand gibt es nur bei Umweltschutzorganisationen wie Greenpeace oder Ekosaschita, dessen Chef Wladimir Sliwjak darauf hinweist, dass Russland bereits jetzt über 14 000 Tonnen eigener Atomabfälle verfüge, deren Lagerung höchst unsicher ist.

Brennelemente-Fabrik kommt neu ins Spiel

Doch braucht Russland dringend Geld, um seine Atomanlagen sicherer zu machen und um - wie mit Clinton vereinbart - 34 Tonnen Waffenplutonium durch Einbau in Mox-Brennstäbe aus dem Militärkreislauf zu nehmen. Die Kosten belaufen sich allein hierfür auf 6 Mrd. $, hieß es aus der US-Delegation am Rande des Moskau-Besuchs von Clinton. Diese müsse der Westen finanzieren, verlautete aus russischen Verhandlungskreisen. Eine Lösung solle auf dem G8-Gipfel im Juli in Okinawa gefunden werden.

In der russischen Atomwirtschaft ist das Projekt jedoch umstritten: "Mox-Brennstoffe mit Plutonium sind so sinnvoll wie Kloschüsseln aus Gold", meint der Chef der russischen Atomaufsicht, Jurij Wischnjewskij. Sechs- bis siebenmal so teuer wie aus reinen Uran-Brennelementen würde der Plutonium-Strom. Zudem verfügt Russland nur über einen Reaktor, der aus Waffenplutonium Reaktorbrennstoff machen kann. Diese Anlage ist renovierungsbedürftig und reicht nicht für die geplante Verarbeitung von jährlich 2 Tonnen Waffenplutonium aus. Deshalb ist westliche Hilfe notwendig.

Dabei spielt Deutschland eine besondere Rolle: Nicht nur, weil der grüne Koalitionspartner Atomprojekte im Ausland nicht akzeptiert, sondern auch, weil Siemens seine nie in Betrieb genommene Mox-Anlage in Hanau gern an Russland liefern würde. Siemens lässt bereits im Ort Elektrostahl bei Moskau deutsches Uran, das in Frankreich und Großbritannien wieder aufgearbeitet wurde, mit russischem Uran anreichern und zu Brennstäben für europäische Kernkraftwerke fertigen.

Mit Westgeldern soll nach Moskaus Willen primär der Ausbau der Atomindustrie finanziert werden. Geplant sind im von der russischen Regierung verabschiedeten 50-Jahre-Atomprogramm der Bau von 40 neuen Reaktoren bis 2030 und die Erhöhung des Atomstromanteils von derzeit 12 auf 33%. Daher soll westlichen Reaktorbetreibern eine ganze Palette von Nukleardienstleistungen angeboten werden: die "Zwischenlagerung von Brennelementen (trocken) für 20 bis 60 Jahre; die Wiederaufbereitung; Rücknahme von Plutonium durch die Werke", heißt es in dem geheimen Minatom-Papier.

Attraktiv soll dabei der niedrigere Preis gegenüber Anlagen in Frankreich und im britischen Sellafield sein: So verlangen die Russen 600 $ statt 850 bis 900 $ pro Kilo Strahlenmaterial beim Recycling, nur 300 bis 600 $/kg bei der Lagerung, bei Endlagerung ohne Rücknahme 1200 bis 2 000 $.

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