Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

19.02.2002

19:00 Uhr

Müller hat das letzte Wort beim Gas-Deal

Eon reicht Antrag auf Ministererlaubnis ein

VonE. SCHNEIDER und H.-J. SCHÜRMANN

Bis Mitte Juni entscheidet nun der Bundeswirtschaftsminister über die Zukunft des größten privaten Ferngashändlers in Europa. Er muss abwägen, ob die gesamtwirtschaftlichen Vorteile der Fusion von Eon und Ruhrgas die kartellrechtlichen Bedenken einer nationalen Marktbeherrschung überwiegen.

DÜSSELDORF. Die Düsseldorfer Eon AG hat am Montagabend erwartungsgemäß den Antrag auf Ministererlaubnis für die Übernahme von knapp 60 % am Kapital der Ruhrgas AG, Essen, gestellt. Eon-Chef Ulrich Hartmann appellierte dabei gestern vor Journalisten an "unsere Wettbewerber, den jetzigen Expansionsschritt von Eon nicht zu bekämpfen." Die Branche solle vielmehr konstruktiv daran mitarbeiten, dass möglichst viele deutsche Unternehmen eine bedeutende Rolle im europäischen Energiegeschäft spielen sollen.

Hintergrund der Mahnung: Der Konkurrent RWE AG aus Essen hatte in einem Interview eine Klage gegen die Ministererlaubnis angekündigt. Doch RWE-Chef Dietmar Kuhnt hat mittlerweile einen Rückzieher gemacht und moderate Töne angeschlagen - nicht zuletzt auf Druck des Bundeskanzlers während der Südamerika-Reise in der vergangenen Woche, wie Branchenbeobachter vermuten. Denn Gerhard Schröder könne während des Wahlkampfes keine neue Baustelle gebrauchen. Hartmann wollte dies auf Rückfrage aber nicht kommentieren.

Nun wird nur der kleine Markt-Neuling Ampere, Energiehändler aus Berlin, bei der Klage gegen eine Ministererlaubnis bleiben. Sie werde aber wohl keine aufschiebende Wirkung haben, wie Eon-Chefjustitiar Ulrich Hüppe erklärte. Denn die Abwägung des Bundeswirtschaftsministers an sich könne nicht beklagt werden, sondern es könnten lediglich Verfahrensfehler gerichtlich gerügt werden.

Keine Querschüsse aus Brüssel erwartet

Hartmann betonte, dass "Energie ein ungeheuer langfristiges Geschäft ist, in dem heute die neuen Strukturen für die nächsten Jahrzehnte aufgebaut werden." Er ist optimistisch, dass Minister Werner Müller Eons Argumentation teilt und grünes Licht geben wird. Aus Brüssel werden keine Querschüsse erwartet, denn Die EU-Kommission akzeptiere grundsätzlich das Verfahren der Ministererlaubnis, so Hüppe.

Doch aus dem Hause Müller sind wettbewerbsfördernde Auflagen zu erwarten. Sie dürfen nach Hartmanns Auffassung allerdings die strategische Zielsetzung seines vertikal integrierten Konzerns - Kette von der Produktion bis zum Endverbraucher - nicht konterkarieren. "Alle Wertschöpfungsstufen müssen zusammen bleiben," so Hartmann. Sonst sei der Deal nicht attraktiv. Schon beim Kartellamt habe Eon das Angebot gemacht, den Durchleitungswettbewerb beim Erdgas "enorm zu steigern". Das schaffe Spielraum für das verstärkte Engagement der großen internationalen Ölgesellschaften im deutschen Erdgasmarkt. Da will BP stärker einsteigen, heißt es in der Londoner Konzernzentrale.

Erst durch die "Entflechtung der komplizierten Aktionärsstruktur der Ruhrgas" könnte sich der Essener Ferngashändler auch bei der Förderung von Erdgas (Upstream-Bereich) nachhaltig engagieren, meinte Hartmann. Die Eon wolle ihren finanziellen Spielraum - immerhin bis zu 45 Mrd. Euro - einsetzen, damit die Ruhrgas als vollintegriertes Unternehmen in der europäischen Liga mitspielen könne.

Verbesserung der deutschen Versorgungssicherheit

Ruhrgas-Chef Burckhard Bergmann hatte schon selbst betont, dass man aus eigener Finanzkraft die milliardenschweren Investitionen nicht stemmen könne. Hierzu zählt die Aufstockung der Anteile an der russischen Gazprom - am weltgrößten Erdgasproduzenten ist Ruhrgas mit 5 % beteiligt. Gleichzeitig haben die Essener Interesse am Einstieg bei der noch staatlichen, norwegischen Statoil bekundet. Darüber hinaus sollen auch direkte Explorationsprojekte in Angriff genommen werden. Hartmann: "Ohne Eon verharrt Ruhrgas auf der reinen Position des Großhändlers".

Die gesamtwirtschaftlichen Vorteile, eines der wesentlichen Anliegen Müllers, sieht der Eon-Manager in der Verbesserung der deutschen Versorgungssicherheit. Bei der Versorgung "mit einem strategisch wichtigen Gut wie Erdgas", das zunehmend auch zur Erreichung der klimapolitischen Ziele benötigt wird, dürften deutsche Unternehmen nicht nur am Ende der Versorgungskette stehen. Angesichts einer drohenden "Gas-Opec" aus Russland, Norwegen und Algerien - wichtigen Quellen für den europäischen Markt - sei es für die Nachfrager notwendig, "aus einer Position der Stärke mit Produzenten zu verhandeln," argumentiert Hartmann.

Diese Einschätzung teilt der Essener Energieprofessor Dieter Schmitt gegenüber dem Handelsblatt. Der relevante Markt sei europaweit ausgerichtet. Nur globale Player auch aus Deutschland könnten im Wettbewerb bestehen und die Versorgungsrisiken schultern. Durch den Zusammenschluss von Eon und Ruhrgas dürften jedoch keine unüberwindbaren Markteintrittsbarrieren entstehen, warnt Schmitt. Hierfür müssten Müllers Auflagen sorgen.

Auch der Münchener Energieexperte Karlheinz Bozem, Geschäftsführer der Booz Allen & Hamilton Unternehmensberatung, zeigt sich im Gespräch mit dem Handelsblatt davon überzeugt, dass nur durch eine Integration von Strom und Gas auf allen Wertschöpfungsstufen die gigantischen Investitionen bewältigt werden können.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×