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21.01.2003

07:47 Uhr

Musikmesse zeigt neuen Trend auf

Musikpiraterie beschleunigt Aus für die CD

VonAxel Postinett

Selbst Superstars wie Robbie Williams zeigen Verständnis für Musikpiraten. Doch die Angst der Plattenfirmen vor den Piraten könnte zwei Konkurrenten der klassischen Musik-CD endlich zum Durchbruch verhelfen.

Robbie Williams, Foto: dpa

Robbie Williams, Foto: dpa

CANNES. Raubkopien aus dem Internet? "Das ist eine großartige Sache, ehrlich. Es gibt nichts, was irgendjemand dagegen tun könnte", sagte Superstar Robbie Williams frank und frei auf einer Pressekonferenz im Vorfeld der weltgrößten Musikmesse Midem in Cannes. "Ich bin sicher, dass mich meine Plattenfirma EMI für diese Aussage hassen wird - und mein Management und meine Buchhalter."

Statistiken scheinen dem Musiker Recht zu geben. So lag etwa in Spanien nach Angaben des lokalen Branchenverbandes der Anteil der Raubkopien am Gesamt-Marktvolumen 1997 noch bei geschätzten 5 %, inzwischen ist er auf 30 % gestiegen.

Doch viele der rund 9 000 Branchenexperten, die bis Donnerstag in Cannes über die Zukunft der Branche beraten, glauben, die Musikpiraterie unterbinden zu können. Hilary Rosen, Präsidentin des US-Branchenverbandes RIAA, warnte die illegalen Tauschbörsen im Internet, es gebe "keinen Ort, an dem sie sich verstecken könnten". Rosen hat Erfahrung im Kampf gegen die Raubkopierer: Sie hat bereits Napster niedergerungen.

Zwei moderne Tonträger-Systeme könnten den Musikpiraten das Kopieren erheblich erschweren: Super-Audio-CD (SA-CD) von Sony und Philips sowie DVD-Audio von Panasonic. Beide sind im Gegensatz zur klassischen CD von vornherein durch Hard- und Software kopiergeschützt und zudem mehrkanalfähig, also für Surround-Sound geeignet. Doch obwohl beide Tonträger seit 1999 auf dem Markt sind, sind sie bislang völlig bedeutungslos. Das liegt nicht zuletzt daran, dass sie untereinander nicht kompatibel sind, die Musikfirmen also die gleichen Titel auf zwei Medien anbieten müssen. Doch die Label zögerten, dies zu tun. Und angesichts des mageren Angebotes an Musik für die neuen Systeme kauften die Kunden die mehrere tausend Euro teuren Abspielgeräte nicht. Ein Teufelskreis.

Das soll sich 2003 ändern. Die Geräte sind mittlerweile für einige Hundert Euro zu haben, und sie werden flexibler. Auf der Fachmesse CES in Las Vegas stellte Panasonic ein Heimkinosystem für 299 $ vor, das alle gängigen Audio- und Video-Formate sowie die neuen Formate lesen kann. Damit können die Kunden sicher sein, dass sie ihre alten und neuen Tonträger alle zu Hause auch abspielen können. Und für die Musikfirmen wird es leichter, sich für ein System zu entscheiden.

"Dieses Jahr werden Sony Music, Universal Music und Emi mit SA-CD durchstarten", sagt David Walstra, verantwortlich für das Europa-Geschäft mit SA-CD bei Sony Europe. Die Musiklabels haben bereits umfangreiche Veröffentlichungen auf SA-CD angekündigt - bis Jahresende sollen es 2000 sein, doppelt so viele wie im Vorjahr. Von 1999 bis jetzt wurden knapp 1 Million SA-CD-Spieler in Europa verkauft. Die nächste Million soll schon Ende 2003 erreicht sein.

David Dorn, als Senior Vice President für das strategische Marketing bei Warner Music verantwortlich, hält die CD - auch die SA-CD - für ein Auslaufmodell: "Die Leute fragen heute nur noch nach DVD. Bald wird jeder verkaufte DVD-Videospieler auch DVD-Audio in Topqualität abspielen können." Warner und auch die Bertelsmann-Musiktochter BMG setzen auf das Panasonic-System DVD-Audio, auf dem neben Musik auch Video Platz findet. Dorn rechnet mit rund fünf Millionen verkauften DVD-Audio-Geräten bis Jahresende. Die Zahl der Titel auf DVD-Audio soll ebenfalls die Marke von 2000 noch in diesem Jahr überschreiten.

Dass keiner der Kontrahenten im Systemstreit nachgeben will, hat einen Grund: Dem Gewinner winkt viel Geld. Immerhin 3 US-Cent Lizenzgebühr werden seit gut 20 Jahren für jede CD fällig. Ein kontinuierlicher Geldfluss für das Sony-Philips-Lager, der zu versiegen droht, wenn DVD-Audio statt SA-CD die CD ablöst.

Das allerdings ist nach Ansicht von Werner Dabringhaus, Klassikproduzent aus Deutschland, kaum noch aufzuhalten. Der Tonmeister, der 1982 als einer der ersten überhaupt auf die CD setzte und auch eine der ersten DVD-Audio veröffentlicht hat, hält aus Produzentensicht die DVD-Audio für technisch überlegen. Allerdings sei insgesamt betrachtet die Herstellung einer DVD-Audio noch erheblich teuer als eine SA-CD. Das müsse sich noch ändern.

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