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04.10.2017

16:14 Uhr

Expertenrat – Nora Heer

Eskalationsrhetorik kurz vor Stufe 9

VonNora Heer

PremiumDonald Trump und Kim Jong Un wollen mit ihren Drohgebärden Stärke beweisen. Wer die Dynamik von Konflikten kennt, weiß, dass die beiden mit dem Feuer spielen. Denn der Zwist droht sich zu verselbstständigen.

Der Konflikt zwischen den beiden Streithähnen ist brandgefährlich. AP

Donald Trump und Kim Jong Un

Der Konflikt zwischen den beiden Streithähnen ist brandgefährlich.

Konflikte sind etwas Bedrohliches und unterscheiden sich durch eine fatale Eigenheit von kleineren Streitigkeiten oder vorübergehenden Auseinandersetzungen: ihre Hartnäckigkeit. Man kann einen Konflikt zwar unter den Teppich kehren und abkühlen lassen. Aus der Welt ist er damit aber nicht, er kann jederzeit wieder ausbrechen und sich aufheizen. Bricht ein solcher Zwist wieder aus, entwickelt er seine zerstörerische Kraft.

Der angesehene Konfliktforscher Friedrich Glasl zeigt die Beharrlichkeit und vielmehr noch die gefährliche Dynamik von Konflikten mit seinem Eskalationsmodell in aller Deutlichkeit auf. Er unterscheidet dabei neun Stufen, durch die Konflikte typischerweise gehen: 1. Verhärtung; 2. Debatte; 3. Taten statt Worte; 4.Sorge um...

Kommentare (1)

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Frau Edelgard Kah

04.10.2017, 17:13 Uhr

Sehr geehrte Frau Heer,

bei den "Streithähnen" kommt es weniger auf die verbale Eskalation an. Ausschlaggebend ist stattdessen, welche Ziele sie verfolgen. Diese Ziele liegen nicht etwa auf der Hand, man muß sie schon erahnen.

Beginnen wir mit Kim. Er unterhält gemessen an der Bevölkerungszahl seines Landes die größte Armee der Welt. Entwickelt Atomwaffen und Interkontinentalraketen. Unterhält zu Südkorea einen Todesstreifen und verbietet jeglichen Kontakt mit den südkoreanischen Verwandten. Droht Südkorea und dessen Verbündeten USA täglich mit Krieg und totaler Zerstörung. Welche Ziele Kim verfolgt, ist natürlich Interpretationssache. Ich unterstelle ihm, dass er die Wiedervereinigung mit Südkorea und damit die Herrschaft über die gesamte koreanische Halbinsel anstrebt. In Verbindung mit seiner Riesenarmee, seinen Interkontinentalraketen und seinen Atomwaffen wäre er dann in Südostasien eine bedeutende Hegemonialmacht.

Auf der anderen Seite steht Trump. Er hat das Problem Kim nicht erfunden, sondern von seinem Vorgänger geerbt. Er hört von Kim beinahe täglich, dass dessen Atomwaffen in kurzer Zeit das amerikanische Festland erreichen können und dass dann amerikanische Großstädte in Schutt und Asche gelegt werden sollen. Die eigenen Bürger vor kriegslüsternen Potentaten zu schützen, ist Trumps Pflicht. Wenn es sein muß, wird er nicht eine Sekunde zögern, Nordkorea total zu zerstören. Aber Präventivschläge wagt er nicht. Sie würden das Bild der USA in der Weltöffentlichkeit und bei den eigenen Bürgern zutiefst beschädigen.

Trump muß somit alle verbalen Attacken und Beleidigungen seines Gegners geduldig ertragen. Missiles nach Nordkorea schicken kann er erst, wenn Kim sich zu Angriffshandlungen hinreißen läßt.

Zusammengefaßt: Sich hochschaukelnde öffentliche Auftritte der beiden Kontrahenten sind in meinen Augen völlig belanglos. Entscheidend ist allein: Fällt ein Schuß?

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