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24.07.2015

12:23 Uhr

Warum Schäuble den Grexit fordert

Kanzler der Vernunft

VonSven Afhüppe, Gabor Steingart

PremiumEndlich! Finanzminister Wolfgang Schäuble macht nicht länger den Wunsch, sondern die europäische Wirklichkeit zur Grundlage seiner Politik. Das hat Folgen – auch für das Verhältnis zur Kanzlerin. Eine Bestandsaufnahme.

Kein anderer verkörpert wie er Wahrhaftigkeit und Stehvermögen. Dominik Butzmann/laif

Der Staatsmann Wolfgang Schäuble

Kein anderer verkörpert wie er Wahrhaftigkeit und Stehvermögen.

DüsseldorfAm Anfang war Wolfgang Schäuble voller Hoffnung. Wenige Monate nach der Verabschiedung des ersten Hilfsprogramms für Griechenland – man schrieb das Frühjahr 2011 – ließ der Bundesfinanzminister keinen Zweifel daran, dass die 110-Milliarden-Euro-Spritze politisch geboten und ökonomisch vernünftig sei. „Das Helfen hilft“, sagte er im Interview mit dem Handelsblatt.

Der Mann war davon überzeugt, dass die griechische Regierung die verabredeten Reformen umsetzen und es nicht zu einem Staatsbankrott kommen würde. Ein Ausscheiden Griechenlands aus der Euro-Zone lehnte er ab. „Der Austritt ist keine Option“, gab Schäuble damals zu Protokoll.

Das griechische Schuldendrama von A bis M

A wie Austerität

Das Schlagwort der Krise. Umschreibt die Sparpolitik, um Haushaltsexzessen Einhalt zu gebieten. Weiteres Kürzen stürze die Menschen ins Elend und würge die Konjunktur ab, klagt Tsipras und steht damit nicht allein. Haushaltsdisziplin sei wichtig, um die Krise überwinden können, sagen Befürworter. Vor allem Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) werfen Kritiker vor, für einen übertriebenen Sparkurs in Europa einzutreten.

B wie Bargeld

Äußerst knapp in Griechenland. Seit Ende Juni dürfen die Griechen an Bankautomaten nur noch täglich bis zu 60 Euro abheben. Weil viele aus Angst vor der Staatspleite ihre Konten leerräumten, droht den Banken das Geld auszugehen.

D wie Draghi

Mario Draghi, mächtiger Chef der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Stabilität des Euro wacht. Draghi spielt eine Schlüsselrolle im Griechenland-Drama. Wenn die EZB den Geldhahn zudreht, weil es zu keiner Lösung kommt, stehen die Banken vor dem Aus; Griechenland dürfte dann endgültig zahlungsunfähig sein.

E wie Eurogruppe

Die Versammlung der Finanzminister aus den 19 Euroländern stieg in der Finanz- und Wirtschaftskrise zum weltweit beachteten Entscheidungsgremium auf. Sie hebt oder senkt den Daumen über Milliarden-Hilfsprogramme für die Euro-Krisenländer.

F wie Finanzmärkte

Verlieren Anleger das Vertrauen, dass Schulden überhaupt noch zurückgezahlt werden, dann können sich Staaten nur noch zu extrem hohen Zinsen finanzieren. Das wird sehr teuer. Diese Geldquelle bleibt Griechenland schon seit langem versagt.

G wie Grexit

Kunstwort bestehend aus „Greece“ (Griechenland) und dem englischen Wort „exit“ (Ausstieg). Der Ausstieg aus dem Euro - gewollt oder durch versehentliches Hinausschlittern - wurde zuletzt im Griechenland-Fall angesichts der drohenden Staatspleite von vielen nicht mehr ausgeschlossen.

I wie IWF

Der Internationale Währungsfonds mit Christine Lagarde als mächtiger Chefin ist einer der gewichtigen Kreditgeber Athens. Lagarde drängt die Eurogruppe, einer Umschuldung zuzustimmen.

J wie Jugendarbeitslosigkeit

Besonders dramatisch sind die Zukunftsaussichten der jungen Leute. Bei einer Jugendarbeitslosigkeit von über 50 Prozent in Griechenland haben die meisten kaum Hoffnungen, einen Job zu finden.

L wie Lissabon-Vertrag

Der Lissabon-Vertrag verbietet im Artikel 125, dass ein EU-Staat einen anderen Staat „herauskaufen“ kann („No-Bailout-Klausel“). Darauf berufen sich auch Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU).

M wie Merkel

Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.Bundeskanzlerin Merkel wird als oberste Krisenmanagerin in Europa angesehen. Sie beharrt darauf: Milliardenhilfen gebe es nur gegen Reformen und Sparprogramme. Ihr und Schäuble wird von Kritikern ein überzogener Sparkurs vorgeworfen.

In vielen Interview und Gesprächen seither hielt der CDU-Politiker an dem...

Kommentare (3)

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Herr F. Gessw.

24.07.2015, 13:34 Uhr

Bin entsetzt. Und würde gerne wissen, ob Herr Steingart entweder diesen Artikel oder sein durchaus unterhaltsames und informatives Morning Briefing nicht selbst schreibt. Aber die Antwort kann sich vermutlich jeder denken.

Was soll diese fast schon religiöse Verklärung? Das ist doch nur Text gewordene Speichelleckerei.
Bei einem Mann, der kein öffentliches Amt mehr bekleiden sollte, weil er nachweislich Bestechungsgelder angenommen hat. Und die Deutschen "lieben" ihn?? (wollen wir doch mal sehen, wie die Petition, die seinen Rücktritt fordert, sich entwickelt. 30.000 Unterschriften nach einer Woche) Ich glaube eher, die BILD-Zeitung liebt ihn. Wenigstens das sollte dem HB doch zu denken geben... oder hat es das? Ist das Ihre Konsequenz?

Es gibt offene Fragen bei Griechenland. Warum besteuert die Regierung die Reichen nicht? Und warum geht der Aufbau eines Katasterwesens und einer guten Steuerverwaltung so langsam? Posten im Staatsdienst sind normalerweise nicht etwas, das Linke lange liegen lassen. Aber vielleicht wurde es ihnen doch verboten / schwer gemacht, wie manche behaupten?

Grundsätzlich lässt sich bei der Krise festhalten, dass Schäuble zwar seine Meinung geändert hat, wie er vorgehen will - aber dass das Problem erdrückende Schulten und ruinöse Vorgaben der Gläubiger sind... Nein, es wäre zu einfach zu glauben, dass er das nicht weiß. Wenn ich mich entscheiden müsste, ob Schäuble ein Dummkopf oder ein Verbrecher ist, fällt die Entscheidung leicht.

Und natürlich wird auch hier wieder 4 Seiten lang die Chance ungenutzt gelassen, den Deutschen zu erklären, dass wir nicht Griechen, sondern unsere Banken (und ja, uns selbst) gerettet haben. Dass bislang Deutschland am Leid der Griechen Milliarden verdient hat. Dass das so gern genutzt Wort "Rettungspaket" eine der größten Lügen unserer Zeit ist.

Ich kann mir Gründe denken, warum Sie so einen Artikel schreiben. Keiner davon fällt in eine positive Kategorie. Liegt es an mir? Eine Erklärung wäre spannend.

Herr F. Gessw.

24.07.2015, 13:51 Uhr

Vielleicht die Ergänzung, bevor ein falscher Eindruck aufkommt:

Ja, die Griechen sind AUCH an ihrer Situation schuld. Ja, auch Linke sind Politiker. Ja, ich denke auch, dass Schulden grundsätzlich bezahlt werden müssen.

Aber es stimmt, was Varoufakis mal gesagt hat (übrigens eine fast allgemeingültige Aussage, gerne prüfen) - zu jedem verantwortungslosen Schuldner gehört ein verantwortungsloser (oder gieriger?) Gläubiger.
Und wenn unsere Politiker so blöd (oder korrupt?) sind, dass Ihnen zur Stabilisierung des Weltfinanzsystems nicht besseres einfällt, als jedes Mal, wenn eine Bank sich verzockt hat, deren Risiken zu übernehmen - dann ist doch klar, warum wir jetzt "die Dummen" sind, aber es uns nicht eingestehen möchten.
Dafür lassen wir jetzt die Griechen verrecken. Haben die doch nicht besser verdient. Keine Arbeit, keine Krankenversicherung, Säuglingssterblichkeit über 40% rauf, Selbstmordraten ebenfalls, eine Arbeitslosigkeit, deren langfristigen Auswirkungen man sich lieber nicht vorstellen möchte, darüber redet noch keiner...

Bei Europa ging es mal um Wohlstand für alle oder zumindest möglichst viele Menschen (zumindest wurde das leidlich glaubwürdig vermittelt).

Jetzt, in einer Zeit, in der so produktiv (weil automatisiert) gearbeitet wird wie noch nie, wo es mehr Reichtum gibt als zu jeder anderen Epoche - und wo dieser noch nie so ungleich verteilt war.... Da müssen Leute auf der Straße verrecken, damit unsere Eliten weiter 8% Rendite p.a. haben?

Ja, ich weiß, die Frage ist naiv, natürlich ist die Antwort "Ja!", denn das machen wir (=der Westen) seit Jahrzenten so. Iphone aus China, Kleidung aus Bangladesh, Urlaub in Thailand, das geht dank des Systems sogar für unsere Durchschnittsbürger. Noch.

Aber verdammt nochmal können wir uns dann nicht wenigstens eingestehen, dass wir Arschlöcher sind? Müssen wir dabei immer noch Wege finden, zu meinen, wir sind immer die Guten?

Fragt sich denn keiner, wer noch Waren kaufen soll, wenn 99% nichts haben?

Herr Michael Wendl

28.07.2015, 10:24 Uhr

Das war dann doch die Fanpost und keine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Grexit-Plänen von Schäuble. Was hier ins Auge springt, ist, dass der gewöhnliche ökonomische Alltagsverstand der Menschen, der von den Erfahrungen der eigenen Hauswirtschaft geprägt ist, hier zur Grundlage für makroökonomische Entscheidungen gemacht wird. Das ist schon peinlich genug, wenn das einem Finanzminister passiert. Das sich aber ausgerechnet eine Wirtschaftszeitung, die das internationale Geschäft deutscher Unternehmen unterstützen wollte, zum Propandeur dieses schlichen mikroökonomischen Denkens aufzuschwingen versucht, ist erstaunlich provinziell.

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