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13.07.2000

17:44 Uhr

Nach dem Boom sehen sich viele Neue-Markt-Unternehmen dem Generalverdacht der Unprofitabilität ausgesetzt

Todeslisten stürzen Anleger in ein Wechselbad der Gefühle

Am Neuen Markt herrscht Panik. Viele Investor-Relations-Manager rotieren.

dpa/HB FRANKFURT/MAIN. Beinahe täglich neue Gerüchte über drohende Unternehmenspleiten haben die Kleinanleger verängstigt. Lange haben sich Börsenbriefe und Anlegermagazine mit euphorischen Geheimtipps übertroffen und schnelle Gewinne versprochen. Jetzt schlägt der Trend ins Gegenteil um: So genannte Todeslisten sorgen für Panikverkäufe und lassen die Kurse in den Keller stürzen. Den Startschuss hatten Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC) gegeben. Sie warnten, acht von 56 Internetwerten drohe bald das Geld auszugehen. Namen verrieten sie aber nicht.

Dies verleitete den Börsenbrief Platow in der vergangenen Woche als ersten, über mögliche Wackelkandidaten zu spekulieren. Andere folgten.
Die Prognosen über die Zahlungsunfähigkeit bei den Unternehmen beruhen oft auf der Analyse der Burn-Rate. Dabei werden die Verluste zum Beispiel eines Quartals betrachtet und hochgerechnet, wann sie bei gleichbleibendem Geschäftsverlauf der Höhe des Eigenkapitals entsprechen. Unter Vernachlässigung weiterer Faktoren lässt sich auf diese Weise zumindest rechnerisch die Zahlungsunfähigkeit ermitteln. Und immerhin, das spricht für die Listen, haben viele Unternehmen in den vergangenen Monaten zumindest zugelassen, dass ihre Wachstumsraten ähnlich unkritisch in die Zukunft fortgeschrieben wurden. Nun schlagen die hohen Markterschließungskosten zurück.

Unternehmen betreiben Schadensbegrenzung mit ganz verschiedenen Mitteln

"Bei uns war die Hölle los", berichtet Bärbel Tomas, Vorstandsassistentin der Hamburger Musikproduzenten edel music. "Seid Ihr am Ende?", hätten Kleinanleger und Analysten reihenweise gefragt. Das Unternehmen war von der Zeitschrift "Capital" am Mittwoch als einer von 20 "Flops" genannt und sei daraufhin mit der ominösen "Todesliste" in Verbindung gebracht worden. Der Aktienkurs sei innerhalb einer Stunde um 17 % in den Keller gestürzt.

edel music will sich eventuell gerichtlich gegen die Spekulationen wehren. "Wir stehen gegenüber unseren Aktionären, Mitarbeitern und Geschäftspartnern in der Verantwortung, uns gegenüber derart falsche und geschäftsschädigende Berichterstattung zu wehren", begründete der Vorstand. Gerade bei jungen Firmen ist ein angekratztes Image schwer wieder aufzupolieren. Gegen eine schlechte Einschätzung durch Analysten oder Journalisten könne man nichts machen, sagt Tomas. Die Verbindung mit dem Modewort "Todesliste" aber unterstelle, dass ein Unternehmen kurz vor dem Bankrott stehe.

Einmal als "Todeskandidat" genannt, gab es für die Aktienkurse der betroffenen Firmen nur noch eine Richtung: abwärts. Wegen scharfer Dementis mehrerer Unternehmen werden Zweifel und Ärger über die Listen auch bei Händlern und Kleinanlegern aber mittlerweile größer. Denn: Offenbar sollen einige Zahlen nicht ganz richtig nachgerechnet worden zu sein. So bestritten der Onlinehändler Buch.de und das Internet-Auktionshaus ricardo.de aufs heftigste, knapp bei Kasse zu sein und konterten mit eigenen Geschäftszahlen. Dies rettete den Kurs zum Teil.

Schwache Zahlen und schwache Argumente helfen wenig

In der Not versuchen nicht wenige Unternehmen, mit Wucht zu kontern. Nicht jeder dringt indes mit seinen Botschaften vor. Das Auktionshaus Ricardo immerhin, das mit anderen Zahlen aufwartete, konnte sich aus dem Abwärtssog zunächst befreien.
Vor allem Unternehmen aus der zweiten Reihe können nicht mit so viel Aufmerksamkeit rechnen. Dennoch versuchte beispielsweise das Münchner Medienunternehmen Odeon, das in der "Capital"-Liste genannt worden war, gegen zu steuern. Ob Beteuerungen, die "Verbesserungsmaßnahmen" seien schon längst in vollem Gange" geeignet sind, das Vertrauen wieder herzustellen, bezweifeln Branchenbeobachter.

Die plötzliche Aufregung über die mögliche Wackelkandidaten stößt bei Experten auf Unverständnis. Dass einigen der knapp 300 jungen Unternehmen am Neuen Markt irgendwann die Luft ausgehe, sei kein Geheimnis gewesen, sagt Manuel Knaus, Analyst bei der BHF-Bank. Es wurde über Unternehmen spekuliert, denen ohnehin seit langem eine schwache Entwicklung bescheinigt wird. Der Internetanbieter Gigabell räumte selbst ein, knapp bei Kasse zu sein.

Die PwC-Studie war auch nicht die erste, die eine Bereinigung am Neuen Markt prognostiziert. Bereits vor Monaten hatten Experten Kursstürze sowie mögliche Pleiten der Senkrechtstarter vorhergesagt. Die neue Studie kam aber in einer Phase der Verunsicherung nach Kurseinbrüchen und abgesagten Börsengängen. Das Hin und Her um angebliche Todeskandidaten wird von Analysten als übertriebener Auswuchs einer härteren Auslese unter den Wachstumstiteln gewertet. Dies sei deshalb noch lange kein Grund für den Anleger, den Neuen Markt in Zukunft ganz zu meiden.

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