Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.02.2003

13:02 Uhr

Nach dem Dax droht auch dem Dow Jones ein Absturz

Aktienkurse sind auf der Suche nach Halt

VonUlf Sommer

"Fundamentalisten" haben längst kapituliert: Analysen darüber, wie Aktienkurse auf Unternehmenserträge reagieren, sind in der Praxis selten das Papier wert, auf dem sie gedruckt sind. Schuld daran sind weniger die Ausarbeitungen, sondern die ungebremste Talfahrt an den Börsen. Die größte Baisse seit den dreißiger Jahren hat ihre eigenen Gesetze und richtet sich nicht nach Quartalszahlen. Der Abschwung nährt sich selbst, und der drohende Krieg wirkt wie ein zusätzlicher Hebel auf dem Weg nach unten.

DÜSSELDORF. Seitdem der Deutsche Aktienindex (Dax) auf den tiefsten Stand seit Ende 1996 gerutscht ist, geraten auch die Charttechniker in Erklärungsnot. Denn wichtige Unterstützungen, die sich in der monatelangen Seitwärtsbewegung gebildet und an Stabilität gewonnen hatten, gelten nicht mehr. "Mit den Verlusten vom Freitag hat sich das technische Bild in den einzelnen Kursentwicklungen deutlich verschlechtert", blickt Uwe Wagner von der Deutschen Bank skeptisch in die Zukunft. "Im Dax gibt es keine Kursziele mehr", konstatiert Klaus Deppermann von der BHF ING-Bank. Nach dem Einbruch und der darauf folgenden Rally im Oktober 2002 hatte der Dax bei Rückschlägen stets bei rund 2 600 Punkten guten Halt gefunden.

Jeder erfolgreiche Test war für Investoren ein Signal mehr, dass der Dax endlich einen Boden gefunden haben könnte. Diese Sichtweise wurde durch die Entwicklung in anderen Indizes untermauert. Bis auf wenige Ausnahmen (London) hielten die Tiefs vom Oktober. Im amerikanischen Dow-Jones-Index beträgt der Puffer zum Tief noch immer mehrere hundert Punkte. Allerdings zeichnet sich nach den kräftigen Verlusten in der vergangenen Woche auch hier ein Test der alten Tiefs ab. "In den USA sieht das charttechnische Bild sehr schlecht aus. Alles deutet auf einen Test der alten Tiefstände hin", sagt ING BHF-Bank-Stratege Deppermann.

Karten werden in Deutschland neu gemischt

In Deutschland müssen schon jetzt die Karten neu gemischt werden. Dabei blicken die Charttechniker gebannt auf eine noch verbliebene Unterstützung: 2 519,30 Zähler. So weit war der Dax am 9. Oktober 2002 im Tagesverlauf gefallen. Damals prägten hohe Umsätze und viel Panik das Bild an der Börse - Versicherungen trennten sich aus Sorge um ihre Bilanzen von ihren Anteilen. Dass es am selben Tag noch eine Erholung um rund 100 Punkte gab, werteten Analysten als positives Zeichen. Eine so kräftige Gegenbewegung bei gleichzeitig hohen Umsätzen hatte viel Kaufbereitschaft signalisiert.Das Tagestief von 2 519 Punkten steht jetzt im Visier der Experten. "Fällt auch dieser Bereich, ist aus unserer Sicht heraus der Markt nach unten hin frei, das heißt, es lassen sich keine weiteren sinnvollen Unterstützungen mehr herleiten", malt Wagner ein düsteres Bild. Die Folge: Auf tieferem Niveau müssten sich erst wieder neue Unterstützungen ausbilden, "deren Lage aktuell noch nicht seriös abschätzbar sind", so Wagner.

Konkret heißt das: Experten rechnen bei einem Bruch dieser letzten Unterstützung mit einem Ausverkauf am deutschen Aktienmarkt. Der Hamburger Charttechniker Holger Struck - er hatte exakt nach dem Tief am 9. Oktober erfolgreich die Rally vorhergesagt - prognostiziert nach einem möglichen Unterschreiten der 2 519-Punkte- Marke ein Verfall auf 2 200 bis 2 300 Zähler: "Wenig oberhalb der 2 000-er Marke gibt es Unterstützung." Diese resultiert aus den Tiefs von 1995/96. Gerade weil die bisherigen Unterstützungen stabil waren, dürften viele Marktteilnehmer bei einem nachhaltigen Bruch die "Reißleine ziehen" und sich vom Aktienmarkt verabschieden. Dass es soweit kommt, ist für Charttechniker nicht mehr unwahrscheinlich. Denn noch immer sei die Stimmung zu gut, sagt Ludwig Gutmann von der Bayerischen Landesbank.

Anleger sind noch zu optimistisch

So zeigt die jüngste Befragung des "Sentix-Index", an der wöchentlich fast 1 000 private und professionelle Anleger teilnehmen, dass Investoren mittelfristig optimistisch gestimmt sind. Tenor bei Institutionellen ist, dass es während und nach einem Irak-Krieg zu einer Rally kommt. Die Vergangenheit zeigt aber, dass ein hohes Maß an Optimismus niedrigere Kurse zur Folge hatte. Der Grund: Nur wer pessimistisch ist, kommt als potenzieller Käufer in Frage - Optimisten sind dagegen investiert und treten allenfalls als Verkäufer auf. Die "Kapitulation" der Optimisten, die bei einem Bruch der letzten Unterstützung im Dax erwartet wird, ist für Charttechniker die Voraussetzung für ein Ende der langen Baisse.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×