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14.01.2003

17:51 Uhr

DÜSSELDORF. Mit dem Rücktritt der lädierten Internet-Ikone Steve Case kommt AOL Time Warner endlich in der Gegenwart an. Die Ära, in der allein mögliche Chancen in einer fernen Zukunft den Kurs bestimmen, gehört der Vergangenheit an. Der ehrwürdige Medienkonzern und einstige Junior-Partner der Fusion, Time Warner, übernimmt das Zepter.

Dass der Aktienkurs diese Zeitenwende mit Missachtung straft, ist nur folgerichtig. Denn erstens haben Investoren die Ära "Internetblase" ohnehin längst abgehakt. Zweitens schaut die Börse auf die Zukunft, und die sieht für AOL Time Warner dornig aus. Drittens fehlt das Vertrauen, nachdem viel Porzellan zerschlagen wurde. Und viertens dümpelt die Aktie trotz des Kursverlustes von mehr als 80 % seit Ankündigung der Fusion keineswegs auf niedrigem, sondern sehr hoch bewertetem Niveau.

Angesichts eines im vergangenen und voraussichtlich auch im laufenden Jahr zurückgehenden Gewinns ist die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 18 allenfalls im Vergleich zu den ebenfalls gebeutelten Wettbewerbern in der Medienbranche etwas preiswerter. Doch bei AOL Time Warner ist der Abschlag gerechtfertigt, denn die Probleme sind nicht nur groß, sondern der Ruf auch noch gründlich ramponiert. Das Vertrauen kehrt nicht zurück, nur weil der Initiator der größten Medien-Fusion seinen Hut nimmt. Die Börse will Tatsachen; Time Inc. und Warner Bros. hatten seit den zwanziger Jahren viel davon zu bieten, AOL in seiner 18jährigen Geschichte dagegen eher Visionen.

Die Probleme des Konzerns sind keineswegs behoben. So werden der größten Abschreibung der amerikanischen Unternehmensgeschichte (rund 60 Mrd. $) in diesem Jahr weitere 10 bis 20 Mrd. $ folgen - Ursache sind überteuerte Firmenkäufe. Weit schwerer wiegen die Ermittlungen der US-Börsenaufsicht SEC und des Justizministeriums. Dabei geht es unter anderem darum, ob Werbeverträge beim Internetanbieter AOL dazu dienten, die Umsätze aufzublähen. So könnte Werbung verkauft worden sein, im Gegenzug aber für Dienstleistungen dieser Kunden ebenso viel bezahlt worden sein. Auch dass Spitzenmanager konzerneigene Aktien verkauften, während AOL noch an seinen Umsatzzielen festhielt - ehe später die Gewinnwarnung folgte - erschütterte das Vertrauen.

Es kriselt und klemmt an allen Ecken. Der Konzern muss die Kosten senken, weil bei AOL die Werbeeinnahmen drastisch fallen. Bei Time Warner läuft die Breitbandstrategie nicht wie gewünscht; für die Kabelsparte ist ein Börsengang geplant - angesichts des Marktumfeldes keine leichte Aufgabe.

Dank der traditionellen Time- Warner Geschäfte ("Herr der Ringe" und "Harry Potter" sind nur zwei Erfolge aus der Filme-Sparte) sind die Probleme durchaus lösbar - ob mit oder ohne Steve Case im Vorstand, ob mit oder ohne den bedächtigen Richard Parsons an der Spitze, der nie zum "Draufgänger" Case passte.

Case aber die Allein-Schuld für die Misere anzulasten, ist ungerecht und falsch. Nicht nur, dass zu einer Fusion mindestens zwei gehören. Case bewahrte seine AOL-Aktionäre mit seinem Deal auf dem Höhepunkt der Börsenspekulation vor vermutlich noch größeren Verlusten - so wie sie die Eigener fast aller übrigen Internet-Aktien bis heute hinnehmen mussten. Zugegeben, das ist ein sehr schwacher Trost. Doch mehr bietet die Gegenwart bei AOL Time Warner im Moment noch nicht.

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