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15.01.2003

08:42 Uhr

Nach dem Rücktritt von Steve Case steht der Medienriese vor Strategiewechsel

Abspaltung von AOL ist noch lange nicht vom Tisch

VonJulia Angwin (Wall Street Journal) und Susanne Wesch (Handelsblatt)

Der Rücktritt von Steve Case bei AOL Time Warner wirft eine Frage auf: Wer setzt sich jetzt im Top-Management des New Yorker Mediengiganten noch für den Internet-Zugangsdienst America Online (AOL) ein?

NEW YORK. AOL-Veteran Case war der letzte Manager der Internet-Firma, der in der Führungsriege des Konzerns übrig geblieben war, obwohl er mit dem Tagesgeschäft der angeschlagenen Tochter nichts mehr zu tun hatte. Ohne seine Fürsprache ist AOL nur noch eine Sparte von vielen. Ihr Schicksal liegt jetzt in den Händen von Konzernchef Richard Parsons und seinem Stellvertreter Don Logan.

Parsons hat bei Time Warner genug Probleme: Er muss die TV-Kabelsparte an die Börse bringen und die Ratings des Konzerns aufrecht erhalten. In der Musikindustrie herrscht Flaute, und der Fernsehsender CNN, dessen Chef Walter Isaacson ebenfalls zurückgetreten ist, kann sich der Konkurrenz des Rivalen Fox kaum noch erwehren.

Es ist das erste Mal, dass das Schicksal von AOL gänzlich in den Händen klassischer Medien-Manager liegt. Das bereitet vielen am AOL-Hauptsitz in Dulles/Virginia Sorgen. Viele erwarten, dass AOL bald aus dem Konzernamen verschwindet, und fürchtendass der Abgang von Case den Weg frei macht für einen Verkauf oder eine Abspaltung der Sparte. "Im besten Falle werden wir zu einer der bedeutenderen Sparten von Time Warner reduziert", sagt ein AOL-Manager resigniert.

Parsons selbst schließt nichts aus, falls die Sanierung nicht gelingt. AOL - mit 35 Millionen Abonnenten ein Gigant der Internet-Branche - leidet unter rückläufigen Neukunden-Zahlen und Werbeeinnahmen. Im dritten Quartal 2002 fiel der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 30 % auf 432 Mill. $. Analysten erwarten einen weiteren Rückgang in diesem Jahr. Wenn es nicht bald besser wird, könnte sich Time Warner von der ungeliebten Tochter trennen., prophezeien Beobachter.

Der Abgang der alten Garde wird von einigen Beobachtern aber auch als notwendig für einen Neuanfang angesehen. Cases Schritt sei "eher ein Zeichen dafür, dass sie die Vergangenheit hinter sich lassen, als dass er irgend etwas über die Zukunft aussagt", meint Sanford- Berstein-Analyst Tom Wolzien.

Firmeninsider sagen, AOL-Chef Jonathan Miller musste mit widersprüchlichen Anweisungen von Case und Millers direktem Vorgesetzten Logan klarkommen. Case befürwortete eine aggressive Strategie, Logan konstantes Wachstum. Trotzdem: Ob Miller bleibt, ist offen. Ein Kollege sagt: "Man muss ihm die Zeit geben, eine Weile zu arbeiten, ohne dass Case ihm über die Schulter schaut."

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