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13.01.2002

19:00 Uhr

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel. Das gilt auch in der Politik.

Fragen? Keine Fragen!

VonRALF NEUKIRCH

Die K-Frage ist entschieden, die Probleme für die Union sind nicht kleiner geworden. Das Selbstbewusstsein der CDU ist angeknackst - auch wenn die meisten in der Partei die Kandidatur Stoibers unterstützen. Merkel wurde schließlich zum Rückzug gezwungen.

MAGDEBURG. Die Stimmung im Foyer ist so warmherzig wie bei Tarifverhandlungen in der Metallindustrie. Betont munter begrüßt Angela Merkel ihren Gast, den "lieben Edmund Stoiber", der "spontan" nach Magdeburg geeilt sei. Das ist vermutlich ähnlich aufrichtig wie die Behauptung des bayerischen Ministerpräsidenten, ihn verbinde mit der CDU-Chefin neben inhaltlicher Übereinstimmung auch Sympathie. Beide starren bei diesen Worten angestrengt ins Leere. Das soll er jetzt also sein, der große Moment, der Kulminationspunkt demonstrativer Siegeszuversicht nach Monaten der Suche, Zeitplandebatten, Zermürbungskämpfen, Putsch- und Rücktrittsgerüchten?

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, heißt eine alte Fußballerweisheit, und dass dies auch in der Politik gilt, zeigt sich bereits beim ersten Auftritt des Kandidaten vor der Führungsspitze der CDU. Die K-Frage ist geklärt, jetzt warten die wirklichen Probleme. So sehr sich viele in der CDU-Führung Stoiber als Kanzlerkandidaten auch gewünscht haben, bei der Klausurtagung in Magdeburg wird klar, welche Schwierigkeiten das mit sich bringt.

Ideologische Unterschiede dürften dabei nicht die entscheidende Rolle spielen. Wenn Stoiber an diesem Wochenende eines ganz deutlich macht, dann seine feste Entschlossenheit, sich vom Gegner nicht in die rechte Ecke treiben zu lassen. 50 Minuten lang redet der bayerische Ministerpräsident vor dem Bundesvorstand der CDU und versucht "sämtliche Klischees, die es über ihn gibt, zu widerlegen", wie ein Präsidiumsmitglied erzählt.

Er sei gekommen, um möglicherweise vorhandene Ressentiments abzubauen, sagt Stoiber und führt dann in der Schwesterpartei den "argumentativen Kompetenzwahlkampf", mit dem er auch die Auseinandersetzung mit Schröder bestehen will. Er betont die Rolle der bürgerlichen Mitte, warnt vor einem Lagerwahlkampf, nennt die Stichworte Berechenbarkeit und Verlässlichkeit, kurzum: Aus diesem Stoff strickt auch SPD-Generalsekretär Franz Müntefering so schnell kein rechtes Schreckgespenst.

Doch die angestrengte Herzlichkeit, die Stoiber und Merkel bei ihrem öffentlichen Auftritt zur Schau tragen spiegelt das schwierige Verhältnis zwischen Sieger und Besiegter wider, nicht nur auf persönlicher Ebene, sondern auch auf der der Parteien. Zwar vermeidet Stoiber alles, was nach Triumph aussehen könnte. Er lobt Merkel vor den Journalisten, spricht über Sachthemen, nimmt sich zurück.

Aber den Ton hat am Vortag schon einer vorgegeben, von dem man es nun nicht gerade erwartet hätte: Roland Koch, der hessische Ministerpräsident, der im Präsidium das Wort ergreift, kurz nachdem Merkel ihren Verzicht bekannt geben hat. Koch warnt vor einer Dominanz der CSU, die CDU müsse ihre Eigenständigkeit behaupten. Bei einigen in der Schwesterpartei müsse man aufpassen, "dass hinterher noch alle fünf Finger dran seien", wenn man ihnen die Hand gebe. Darum müsse es einen gemeinsamen Stab in Berlin geben, der die Wahlkampfführung koordiniere.

Die Bemerkungen über die CSU seien scherzhaft gemeint gewesen, ist hinterher aus Kochs Umgebung zu hören, aber die Wahlkampfführung könnte für die Union zum echten Problem werden. Man will unter allen Umständen vermeiden, dass unterschiedliche Auffassungen über Strategie, Inhalte oder die Darstellung des Kandidaten und der Themen den Wahlkampf belasten. Unklar ist nur, wie ein solcher Wahlkampfstab organisiert werden könnte. Es böte sich an, ihn im Adenauerhaus anzusiedeln. "Das wäre aber nicht ungefährlich, weil es nach einem Einmarsch der CSU in der CDU-Zentrale aussieht", sagt ein christdemokratischer Spitzenpolitiker. Der Aufbau einer unabhängigen Zentrale nach dem Vorbild der SPD -"Kampa" aber kostet Geld. Davon hat die Union nicht viel.

Diese Überlegungen sind deshalb so wichtig, weil Stoiber unter allen Umständen verhindern muss, dass Teile der CDU ihm im Wahlkampf in den Rücken fallen. Zwar haben auch die Anhänger Merkels wie der nordrhein-westfälische Landeschef Jürgen Rüttgers oder der Vorsitzende des Arbeitnehmerflügels Hermann-Josef Arentz gelobt, sich hinter den CSU-Chef zu scharen. Aber dieser weiß, dass er seinen Gegnern in der Schwesterpartei keinen Anlass zur Unzufriedenheit geben darf, denn trotz aller gegenteiligen Bekundungen ist das Selbstbewusstsein der CDU nach der Entscheidung für Stoiber schwer angeknackst.

Genau davor hatte Merkel immer gewarnt. Sie hatte ihren Anspruch auf die Kandidatur stets mit dem Hinweis verknüpft, dass die CDU schon aus Selbstachtungsgründen nach dem Amt greifen müsse. Es war eines der Argumente, das sie bis in die Schlussphase der Auseinandersetzung immer wieder vorbrachte. Durchsetzen konnte sie sich damit letztlich nicht.

Seit Mittwoch häuften sich die Signale, dass die CDU-Chefin den geordneten Rückzug antreten wolle. Die Ministerpräsidenten machten ihr klar, dass sie im Präsidium eine Entscheidung erzwingen würden, falls Merkel kein klares Rückzugssignal aussenden würde. Die Ankündigung Kochs, entgegen seiner ursprünglichen Planung seinen Skiurlaub zu unterbrechen, zeigte dann, dass es ihnen ernst war. Merkel zog die Konsequenzen. Am Donnerstagmittag rief die CDU-Vorsitzende bei Stoiber an und bat ihn um ein Treffen am kommenden Morgen. Am gleichen Abend informierte sie ihren mächtigsten Unterstützer, den nordrhein-westfälischen Landeschef Rüttgers, bei einem Gespräch in Düsseldorf von ihrer Entscheidung. Ihre Gegner wie Koch oder Fraktionschef Friedrich Merz unterrichtete sie nicht.

Im Präsidium trug sie dann ihre Entscheidung vor. "Vielen ist nach Merkels Erklärung erst so richtig klar geworden, was die Entscheidung für die CDU bedeutet", sagt ein Mitglied des Gremiums.

Edmund Stoiber jedenfalls weiß es. Es wird dadurch für ihn nicht leichter werden, die unsichtbare Last abzuwerfen, die ihn auch hier in Magdeburg zu beschweren scheint, diese Sorge, er könne den falschen Ton treffen, eine Spur zu scharf werden und damit die Vorurteile bestätigen, die seine politischen Gegner über ihn verbreiten.

Andererseits darf er auch seine konservative Position nicht verleugnen, schließlich hat ihn die CDU nicht auf den Schild gehoben, um eine männliche Version von Frau Merkel in den Wahlkampf zu schicken. Noch weiß Stoiber nicht genau, wie er diesen Balanceakt bewältigen kann. Seine kurze Ansprache ist beendet. Merkel schaut zu ihrer Pressesprecherin: "Fragen?" flüstert sie. "Keine Fragen! ", flüstert die zurück. CSU-Generalsekretär Thomas Goppel hat das vorher verfügt. Damit wird Stoiber künftig nicht mehr davon kommen.

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