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09.04.2003

09:19 Uhr

Nach der Olympia-Entscheidung droht die verbale Schlammschlacht

Zeichen und Wunder

VonErich Ahlers (Handelsblatt)

Es sollte nicht lange halten. Vor zweieinhalb Wochen pinselten 25 Maler und ein paar Promis die Bordsteinkanten der Düsseldorfer Kö auf einer Länge von 800 Metern an. In den olympischen Farben, so richtig schön farbenfroh. Inzwischen aber ist der Lack schon wieder weitgehend ab, nur noch bunte Reste sind übrig geblieben. Passanten ahnen von den wahren Absichten der Aktion nichts mehr und fragen: "Welche Chaoten haben denn da rumgeschmiert?"

DÜSSELDORF. Nicht alles, was dem Elan der fünf deutschen Olympia-Bewerberstädte entsprungen ist, wird tatsächlich honoriert. Und nicht alles, was zuvor in Fair-Play-Appellen eingefordert wurde, wird befolgt. Wenige Tage vor der Entscheidung nahm die Zahl verbaler Schienbeintritte jedenfalls zu. Es ist damit zu rechnen, dass der Höhepunkt dieser nichtolympischen Sportart am Samstagabend oder in den Tagen danach erreicht wird. "So harmonisch, wie sich das einige wünschen, wird es nicht ablaufen", meint Kanu-Präsident Ulrich Feldhoff. "Es ist nur ein hehrer Anspruch, dass es keine Verlierer geben wird. In Wirklichkeit gibt es einen Gewinner und vier Verlierer." Anschließend wird abgerechnet, und passend dazu spielt bei der Stuttgarter Finalparty die Hip-Hop-Band "Massive Töne" auf.

Dass zuvor alles mit rechten Dingen zugeht, mag nicht jeder glauben. Einer jener stimmberechtigten Verbandsfürsten prophezeit: "In der Nacht von Freitag auf Samstag wird es spannend - das wird eine Nacht der langen Messer." Immerhin logieren die Wahlberechtigten gemeinsam im Hotel Hilton Park und sind nicht nur darauf gespannt, ob das Satiremagazin "Titanic" wie bei der Wahl Deutschlands zum Gastgeber der Fußball-WM 2006 wieder lukrative Kuckucksuhren als Lockmittel für diese oder jene Stimme in Aussicht stellt.

Das Bearbeiten der Wahlfrauen und-männer findet freilich schon seit Wochen und Monaten statt. "Zuletzt hatte ich jeden Tag neues Infomaterial von den Bewerbern in der Post", berichtet Klaus Schormann, Präsident der Modernen Fünfkämpfer. An Einladungen aller Art mangelte es eh nicht. Viele nahmen sie an, andere nicht. "Die habe ich immer in den Papierkorb geschmissen", sagt Hockey-Chef Christoph Wüterich. Auch Box-Boss Paul Forschbach hat nach eigener Aussage "keine wahrgenommen". Eislauf-Kollege Reinhard Mirmseker sagt, dass in dieser Hinsicht "alle sehr bemüht waren. Am ehesten hat sich noch Leipzig zurückgehalten".

Von Bestechungsversuchen der gehobenen Kategorie weiß natürlich niemand. An Gerüchten, die so mancher Bewerber gestreut hat, mangelt es jedoch nicht. Dabei rückte vor allem Ulrich Feldhoff in den Mittelpunkt, der als Leistungssport-Verantwortlicher beim Deutschen Sportbund auch als Verteiler von Zuschüssen an die Verbände auftritt und bekennender Düsseldorf-Fan ist. Gerade die Hamburger wiesen besorgt auf Feldhoffs vermeintliches Tun hinter den Kulissen hin. Der, so wurde kolportiert, habe bereits 20 oder mehr Sportverbände auf seine Seite gebracht.

Auch Walther Tröger, der nicht zuletzt durch Feldhoffs Einfluss im vergangenen November vom NOK-Präsidentenstuhl gekippt wurde, meint mit Blick auf den Widersacher: "Ich hoffe, dass diese Art von Aktivitäten nicht den Ausschlag geben werden." Da zudem viele Sportverbände in Nordrhein-Westfalen beheimatet sind und Feldhoff deren Vertreter bestens kennt, gilt das Rhein-Ruhr-Gebiet längst wieder als Mitfavorit.

Dies ungeachtet der Tatsache, dass der NOK-Evaluierungsbericht die Düsseldorfer Bewerbung nur auf dem vorletzten Rang sah und Hamburg gemeinhin als attraktivster Standort gefeiert wurde. Manchem Buchmacher ist der Bewerbungswettlauf inzwischen allerdings zu heiß geworden, die Olympia-Wette wurde aus dem Programm genommen. Sie trauen dem Prozedere nicht mehr.

Feldhoff mag von seiner Rolle als Strippenzieher freilich nichts wissen: "Nicht bei einem einzigen der Wahlberechtigten habe ich auch nur ansatzweise versucht, ihn zu einem Abstimmungsverhalten zu bewegen." Nur weil er damals für Steinbach als NOK-Präsident eingetreten sei, würde er jetzt nicht mit unlauteren Mitteln in die Olympia- Frage eingreifen. Das Evaluierungs-Ranking schmeckt ihm gleichwohl nicht: "Seinerzeit war ich dafür. Heute aber würde ich von diesem System abraten."

IOC-Vize Bach geht unterdessen davon aus, dass insbesondere im ersten und zweiten Wahlgang einige nach "landsmannschaftlicher Zugehörigkeit" wählen werden. Demnach dürften zum Beispiel der schwäbische Fußball-Boss Mayer-Vorfelder ebenso zunächst für Stuttgart stimmen wie Ringer-Präsident Helmuth Pauli. Tennis-Präsident Georg von Waldenfels hatte früh erklärt, Hamburg zu unterstützen. Dort ist der DTB beheimatet. Die Baseballer deuteten an, dass Leipzig beste Karten habe, weil das geplante Stadion für ihre Sportart zentraler liegt als andernorts. Die Verbandschefs werden im Übrigen zum Teil mit Empfehlungen aus den eigenen Reihen nach München entsandt (Wüterich/Hockey), andere entscheiden ganz nach persönlicher Fasson (Pauli/Ringen).

Die Voraussetzungen könnten uneinheitlicher jedenfalls kaum sein. Zeichen und Wunder schließt beim Showdown in München daher niemand aus.

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