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29.01.2002

20:00 Uhr

Nach Erdgas-Privatisierung in Tschechien muss RWE mit Sperrminoritäten seiner Rivalen fertig werden

RWE Gas ruft Kartellämter vor Transgasübernahme an

VonJOACHIM WEIDEMANN

Tschechiens Staatsvermögensfonds und der Erdgaskonzern RWE Gas AG, Dortmund, haben am Dienstag abend den Kaufvertrag zur Übernahme des tschechischen Erdgaskonzerns Transgas unterzeichnet. Die Dortmunder werden den Deal noch durch die tschechische Wettbewerbsbehörde (UOHS) und das Bundeskartellamt prüfen lassen, erfuhr das Handelsblatt aus RWE-Kreisen.

PRAG. Erwogen werde ferner, auch die EU-Kommission einzuschalten. Tschechien könnte nach RWE-Einschätzung bereits 2004 EU-Mitglied werden, öffnet seinen Gasmarkt aber erst ab 2005 für den Wettbewerb.

Sollte alles glatt laufen, übernimmt RWE Gas für 133 Mrd. Kronen (4,17 Mrd. Euro) nicht nur 96,99 Prozent des Importmonopolisten und Transit-netzbetreibers Transgas AS, Prag, sondern auch Staatsaktienpakete von 46 bis 58 Prozent in den acht regionalen Gasversorgern. Mitsamt eige-nen Zukäufen erreicht RWE aber nur in sechs Versorgern eine zum Teil sher knappe Mehrheit.

Mindestens in zwei Fällen - nämlich dem südböhmischen Versorger JCP und dem ostböhmischen Versorger VCP - muss RWE verhandeln mit der Allianz seiner Rivalen Eon AG / Ruhrgas AG. Mit starken Sperrmino-ritäten muss RWE auch in anderen Versorgern kämpfen, in denen bisher neben Eon und Ruhrgas auch die VNG Verbundnetz Gas AG und die Wintershall Erdgas Beteiligungs GmbH engagiert waren.

Eine Anfrage, ob RWE Gas den ande-ren Aktionären ein Übernahmeangebot unterbreitet, wurde aus RWE-Quellen nicht konkret kommentiert: "Die Überlegungen laufen erst an", so das Unternehmen. Möglicherweise aber könnte RWE Gas zu einem öffentlichen Angebot gezwungen werden: Denn das tschechische Verfas-sungsgericht prüft zurzeit, ob ein Mehrheitsaktionär im Falle der an der Börsen notierten Erdgas- und Stromversorger ein öffentliches Angebot unterbreitet werden muss. Bejaht das Gericht diese Frage, würde es die bisherige Praxis verwerfen. Für RWE Gas könnte die Übernahme dann teurer werden als bisher angenommen.

Doch auch dieser Einsatz würde sich lohnen: Denn der neue Standort Tschechien ergänzt nicht nur die geplanten und verwirklichten RWE-Engagements in Polen, der Slowakei und Ungarn. Er ermöglicht den Dortmundern künftig auch, Erdgas von Tschechien aus in Bayern und Sachsen anzubieten. "Das ist theoretisch durchaus möglich möglich", lautete ein Kommentar aus RWE-Kreisen. Pläne gebe es aber noch nicht.

Das Erdgas-Engagement könnte Experten zufolge auch weitere RWE-Investitionen nach sich ziehen. Etwa bei der anstehenden Stromprivatisierung des CEZ-Konzerns. Doch hieß es dazu aus Quellen des Unterneh-mens nur, man warte zurzeit auf die neue Ausschreibung für den Stromkonzern, nachdem die erste Runde der Prager Stromprivatisierung geschei-tert war. Erst dann will der Mutter-konzern sich zu einem Angebot äußern. "Es liegt aber auf der Hand, dass die regionalen Stromversorger in Mitteleuropa für uns interessant sind", so die Quelle in Prag. Ob RWE auch an ein Engagement in seinen anderen Kernbereichen Wasser/Abwasser und Abfall/Recycling denkt, scheint offen. Dies hänge von Synergien und der Profitabilität ab, hieß es.

Durch die Transgas-Übernahme wird RWE Gas die Kontrolle über ein Netz gewinnen, das mit einem Anteil von bis zu 32% als "Hauptschlagader" der russischen Erdgasexporte nach Europa gilt. RWE Gas hat sich ferner am slowakischen Erdgasspeicher Nafta Gbely beteiligt, der ebenfalls ein strategischer Punkt dieses Ost-West-Transits ist. Ferner ist nach Angaben aus der Konzerntochter RWE Plus geplant, "unverbindliche Angebote" für die drei zu privatisierenden Erd-gasversorger in der Slowakei abgzugeben. Mitsamt der Engagements in Ungarn und der Kooperation in Polen verfügt RWE damit über größere Speicher- und Pipeline-Kapazitäten als die deutsche Konkurrenz.

Durch den Einstieg in Tschechien steigt RWE Gas nach eigenen Anga-ben im Erdgasabsatz mit 26 Mrd. Kubikmetern auf Rang 5 in Europa auf-gerückt. Beim Absatz schließe man, so das Unternehmen, mit 4,4 Millionen Kunden (ohne Minderheitsbetei-ligungen) fast zum Konkurrenten Eon auf, der mitsamt Minderheitsbeteiligungen auf rund 5 Millionen komme. Gemessen am Leitungsnetz springen RWE und Transgas zusammen mit 94.098 km auf Rang 2 in Europa, hinter dem französischen Konzern Gaz de France, der über ein Netz von 182.100 km Länge verfügt.

Verdruss könnte schließlich auch die Handelspolitik von Transgas bereiten. Wie das Handelsblatt erfuhr, hat das Unternehmen inzwischen ohne Ab-stimmung mit seinem künftigen Eigentümer begonnen, zehnjährige Lieferverträge mit den regionalen Erd-gasversorgern abzuschließen. Der kaufmännische Leiter von Transgas, Vladimir Outrata, sagte, er wisse nicht, wie RWE diese Verträge sehe, werde aber deren Vorschläge "verständlicherweise respektieren".

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