Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

30.04.2003

08:34 Uhr

Nach Ernennung von Abbas

Mehrere Tote nach Selbstmordanschlag in Tel Aviv

Nur wenige Stunden nach der Ernennung von Mahmud Abbas zum ersten palästinensischen Ministerpräsidenten sind bei einem Selbstmordanschlag in Tel Aviv am frühen Mittwochmorgen mehrere Menschen getötet worden. Der US-Nachrichtensender CNN und der britische Fernsehsender BBC sprachen von vier Toten. In den Internetausgaben der israelischen Zeitungen "Haaretz" und "Jerusalem Post" war von insgesamt drei Toten die Rede.

HB/dpa TEL AVIV/RAMALLAH. Nach israelischen Angaben wurden Dutzende Menschen verletzt. Unter den Todesopfern ist auch der Attentäter. Mehrere Opfer erlitten schwere oder lebensgefährliche Verletzungen.

Nach Augenzeugenberichten hatte der junge Attentäter kurz nach Mitternacht (MESZ) versucht, sich Zutritt zu dem zu diesem Zeitpunkt mit mehr als 60 Gästen gut besetzten Lokal "Mikes Place" (etwa: Mike's Kneipe) nahe der US-Botschaft zu verschaffen. Er wurde jedoch von einem geistesgegenwärtigen Wachmann angehalten. Als dieser versuchte, den Attentäter zu Boden zu werfen, löste der Palästinenser die Explosion aus. Nach Angaben von Polizeichef Jossi Sedbon trug er einen Sprengkörper bei sich, der auch Nägel und Schrauben enthielt, um die verheerende Wirkung der Explosion noch zu verstärken.

Die israelische Regierung verlangte unmittelbar nach dem Anschlag von der neuen palästinensischen Führung wirkungsvolle Maßnahmen zur Beendigung des Terrors. Die US-Regierung verurteilte das Attentat scharf. Der Sprecher des Weißen Hauses, Ari Fleischer, sagte laut CNN, der Anschlag solle offenkundig dem Friedensprozess schaden. Die USA würden jedoch ihre Bemühungen fortsetzen, die Konfliktparteien zurück auf den Weg zum Frieden zu bringen. US-Außenminister Colin Powell wird in der kommenden Woche im Nahen Osten erwartet. Auch Abbas verurteilte die Tat in einer Erklärung aufs Schärfste. Nach wochenlangem Tauziehen sprach das palästinensische Parlament am Dienstagabend dem ersten Ministerpräsidenten der Autonomiebehörde, Mahmud Abbas, das Vertrauen aus. Nach fast vierstündiger Debatte, in der Abbas zum Teil heftig kritisiert wurde, stimmten 51 der anwesenden 72 Abgeordneten mit "Ja", 18 Parlamentarier votierten gegen seine Ernennung und das von ihm vorgestellte Kabinett.

Abbas war Mitte März von Palästinenserpräsident Jassir Arafat unter starkem internationalen Druck zum ersten Regierungschef der Autonomiebehörde bestellt worden. Abbas, der Stellvertreter Arafats ist, konnte sein Kabinett jedoch erst nach langem Tauziehen mit Arafat in der vergangenen Woche präsentieren.

In seiner Antrittsrede hatte Abbas am Mittag ein entschiedenes Vorgehen gegen palästinensische Extremisten angekündigt. Gleichzeitig forderte er von Israel eine Beendigung der seit 35 Jahren andauernden Besetzung. Die USA und die übrigen Mitglieder des so genannten Nahost-Quartetts (EU, Russland und Vereinte Nationen) müssten jetzt mit der präzisen Umsetzung ihres Nahost-Friedensplans beginnen. Die Extremistengruppen Hamas und Islamischer Dschihad kündigten trotz der Warnungen Abbas' eine Fortsetzung ihres "bewaffneten Kampfes" gegen die Besetzung an.

Der israelische Außenminister Silwan Schalom nannte die Rede von Abbas "einen guten Anfang". Die oppositionelle Arbeitspartei sprach von einer "ausgestreckten Hand", die Ministerpräsident Ariel Scharon nicht ausschlagen dürfe. Ein Regierungssprecher meinte dagegen, man wolle vor einem Urteil über Abbas "zunächst Taten sehen".

Bundesaußenminister Joschka Fischer sagte zur Bestätigung von Abbas und dessen Kabinett durch das palästinensische Parlament: "Dies ist ein wichtiger Schritt im gegenwärtigen Reform- und Verfassungsprozess auf dem Weg zu einem demokratischen und unabhängigen palästinensischen Staat". "Jetzt sind die palästinensische Regierung und die Regierung von Israel aufgerufen, entschlossen zu handeln. Es gilt, diese neue politische Chance für einen Wiedereinstieg in den Friedensprozess im Nahen Osten zu nutzen", betonte Fischer.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×