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27.01.2005

15:22 Uhr

Nach Kritik an hohen Kosten für Zweitnotierung

US-Börse will attraktive Regeln für Europäer

VonHermann-Josef Knipper

Mit einer gemeinsamen Charmeoffensive wollen der Chef der New-Yorker Börse, John Thain, und der Chairman der US-Börsenaufsicht "Securities and Exchange Commission" (SEC), William Donaldson, verhindern, dass deutsche, britische, französische und spanische Unternehmen künftig auf die Notierung an den amerikanischen Börsen verzichten.

Das Logo des Weltwirtschaftsforum (WEF). Foto: dpa

Das Logo des Weltwirtschaftsforum (WEF). Foto: dpa

DAVOS. Mit einer gemeinsamen Charmeoffensive wollen der Chef der New-Yorker Börse, John Thain, und der Chairman der US-Börsenaufsicht "Securities and Exchange Commission" (SEC), William Donaldson, verhindern, dass deutsche, britische, französische und spanische Unternehmen künftig auf die Notierung an den amerikanischen Börsen verzichten. Donaldson sagte am Rande des Weltwirtschaftsforums in Davos zum Handelsblatt: "Ich hoffe, die Europäer bleiben in New York, wenn wir in Kürze die Regeln geändert haben." Thain sagte vor Journalisten, er stehe uneingeschränkt hinter den Ankündigungen Donaldsons.

Die Amerikaner reagieren damit auf den wachsenden Unmut europäischer Unternehmen, denen die Zweitnotierung an der New York Stock Exchange (Nyse) außer hohen Kosten und zusätzlichem Berichtsaufwand bislang nichts gebracht hat. Zuletzt hatte sich sogar Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in New York dafür eingesetzt, dass die Regeln gelockert und das Verlassen der Börse (Delisting) erleichtert werden müsse. Thain wies jetzt in Davos darauf hin, dass das Delisting nicht das Hauptproblem sei, sondern das "Deregistering" bei der SEC, also das Entlassen aus den von der US-Aufsicht geforderten Veröffentlichungspflichten. Denn selbst nach einem Rückzug von der US-Börse bleiben die teuren SEC-Informationspflichten, so lange das betreffende Unternehmen mehr als 300 US-Aktionäre hat. Diese Auflage macht bislang einen vollständigen Rückzug vom US-Finanzmarkt für große Konzerne praktisch unmöglich. Deutsche Unternehmen wie Siemens und SGL Carbon klagen vor allem über die hohen Kosten, die das Sarbanes-Oxley-Gesetz verursacht.

Donaldson will den Europäern nun entgegen kommen, wie er bereits vor zwei Tagen in London angedeutet hatte. "Die US-Regeln sind antiquiert", sagte er dem Handelsblatt. Wörtlich: "Wir wollen, dass die europäischen Unternehmen auch in Zukunft an der Nyse notierern, sehen aber, dass sie große Sorgen wegen der Kosten und des Aufwands haben. Deshalb werden wir unsere Regeln an die Wünsche der Europäer anpassen, so dass wir künftig weniger bürokratisch und offener sein werden."

Konkret gehe es darum, bei Neuemissionen nicht mehr die Bilanzen der letzten drei Jahre, sondern der letzten zwei Jahre vorzulegen. Außerdem sei die Regel 404 im Sarbanes-Oxley-Act mit sehr hohen Kosten verbunden. Auch da werde man den Europäer entgegen kommen.

Nach Regel 404 müssen die Vorstandschefs von Unternehmen persönlich dafür gerade stehen, dass die internen Kontrollsysteme die strikten Auflagen des Sarbanes-Oxley-Gesetzes erfüllen. Wirtschaftsprüfer müssen den firmeneigenen Überwachungsapparat künftig inspizieren und abhaken. Für nicht-amerikanische Unternehmen sollte Regel 404 zunächst am 15. Juli in Kraft treten. Donaldson stellte eine Verlängerung der Frist um "vier bis fünf Monate" in Aussicht.

Experten in New York schätzen, dass etwa 200 in USA notierte Unternehmen die Börse verlassen wollen. Insgesamt sind allein an den beiden führenden US-Börsen NYSE und Nasdaq mehr als 6 000 Unternehmen notiert.

Nyse-Chef John Thain gab sich in Davos zuversichtlich, dass das Entgegenkommen der SEC die Gefahr des Abwanderns europäischer Unternehmen bannen kann. Thain: "Langfristig bleibt den Aufsichtsbehörden in Europa nichts anderes übrig, als sich den US-Regeln anzupassen." Damit, so Thain, werde es bald einige zusätzliche Anreize geben, damit die Europäer auch in Zukunft den Finanzplatz New York nutzen könnten. Die von ihm am Vortag ins Gespräch gebrachte Ausweitung der Handelszeiten sei aber noch nicht beschlossen: "Wir machen das, wenn unsere Kunden das möchten. Aber bisher sind diese Wünsche nicht an uns herangetragen worden." Seine Aussage von Mittwoch sei überinterpretiert worden.

Für Thain steht allerdings, wie er sagte, die Europa-Offensive dieses Jahr nicht auf Platz eins seiner Agenda. Er will zunächst die Diversifizierung in neue Produktbereiche in den USA vorantreiben, etwa bei Termingeschäften und Derivaten. Hier habe die Nyse im Vergleich zu den europäischen Börsen, allen voran Frankfurt, noch Nachholbedarf. An dem laufenden Übernahmekampf um die Londoner Börse LSE will er sich nicht beteiligen, weil er kaum Synergieeffekte sieht. Thain: "Egal, ob Deutsche Börse oder Euronext in London das Rennen macht: Uns trifft das nicht." Es sei immer noch mit hohem Prestige und dem Zugang zur größten Investorengemeinde der Welt verbunden, an der Nyse zu notieren, und das werde sich auch in Zukunft nicht ändern. 2004 verzeichnete die Nyse 152 Börsengänge, das waren etwa 50 Prozent mehr als 2004. Dieses Jahr erwartet Thain eine deutlich höhere Zahl.

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