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20.01.2002

19:00 Uhr

Nachfolger-Frage

Peinliches Gerangel um neuen DGB-Chef

VonHELMUT HAUSCHILD

Verdi-Vize Sommer kann Nachfolger von DGB-Chef Schulte werden, weil ein weiterer DGB-Vorstand seinen Posten für einen Industrievertreter räumt.

BERLIN. IG Metall-Chef Klaus Zwickel ignorierte alle gewerkschaftsinternen Benimmregeln. Eigenmächtig und ohne jede Absprache ließ er seinen Pressesprecher verkünden, der stellvertretende Verdi-Vorsitzende Michael Sommer stehe als Kandidat für den DGB-Vorsitz nicht zur Verfügung. Das war Anfang Dezember. Im Wochentakt schrieben damals die Zeitungen, Sommer werde auf dem DGB-Kongress Ende Mai 2002 der Nachfolger von DGB-Chef Dieter Schulte. Für Zwickel ein Ärgernis, wollte er doch weiterhin einen Industriegewerkschafter an der Spitze des DGB haben.

Doch aus den Plänen des IG Metall-Chefs wird nichts. Denn unmittelbar vor einer morgen beginnenden Klausurtagung des DGB-Vorstands mit den Chefs der acht Einzelgewerkschaften zur Vorbereitung des DGB-Kongresses sind zwei Personalien so gut wie sicher. Erstens wird der IG Metaller Dieter Schulte auf dieser Klausurtagung seinen Verzicht auf eine weitere Amtszeit als DGB-Vorsitzender verkünden. Und zweitens gibt es bereits im Vorfeld des Treffens eine informelle Absprache, wonach der nächste DGB-Chef Sommer heißen soll.

Zwar soll offiziell zunächst eine Findungskommission eingesetzt werden, die bis Mai einen Schulte-Nachfolger suchen muss. Doch hinter den Kulissen heißt es, auch die IG Metall werde keinen anderen Kandidaten mehr aus dem Hut zaubern. Sie habe in ihren Reihen niemanden gefunden, den sie gegen Sommer in die Waagschale werfen könnte.

Krach im Gewerkschaftslager

Von Zwickels Dementi im Dezember bleibt damit nur ein Krach im Gewerkschaftslager. "Das war ein Abschussversuch erster Klasse", ärgert sich noch heute ein hochrangiger Verdi-Funktionär. Bei der Dienstleistungsgewerkschaft nämlich hatte man sich schon damals auf Sommer als künftigen DGB Vorsitzenden festgelegt. Und es schien so, als trügen die Industriegewerkschaften die Personalie mit. Denn in vertraulichen Gesprächen hatte es zustimmende Signale von IG Metall-Vize Jürgen Peters und dem Vorstand der Chemiegewerkschaft BCE, Jürgen Walter gegeben.

Der Grund für Zwickels Widerstand war, dass bei einem Wechsel von Schulte zu Sommer kein Vertreter einer Industriegewerkschaft mehr im Bundesvorstand des DGB vertreten gewesen wäre. Dieses Problem ist inzwischen gelöst. Nach Informationen des Handelsblatts hat sich der 57-jährige Günter Dickhausen, im DGB-Vorstand zuständig für Personal, nun ebenfalls zum Verzicht auf eine weitere Amtszeit bereiterklärt. Verdi-Mitglied Dickhausen dürfte durch einen Industriegewerkschafter ersetzt werden, womit die Forderung der IG Metall nach Präsenz im DGB-Vorstand erfüllt wäre.

Die anderen DGB-Vorstände Ursula Engelen-Kefer und Ingrid Sehrbrock (beide Verdi) sowie Heinz Putzhammer (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) wollen wieder kandidieren. Für den 60-jährigen Schulte, seit 1994 DGB-Chef, ist die Debatte um seine Nachfolge bitter. Hartnäckig halten sich Gerüchte, er hätte gerne weitergemacht. Doch selbst in seiner eigenen Gewerkschaft, der IG Metall, gibt es deutliche Stimmen, die einen Wechsel an der Spitze des DGB fordern. Viele Funktionäre nehmen Schulte übel, dass er sich immer wieder von der Doktrin der IG Metall zu lösen versuchte und gegenüber der Bundesregierung und den Wirtschaftsverbänden eigenständige Positionen vertrat. Er sei zu konsensorientiert, so der Vorwurf.

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