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22.01.2003

07:20 Uhr

Wie wichtig ist der deutschen Stahlindustrie Nachhaltiges Wirtschaften, das Wirtschaftswachstum mit ökologischer Verantwortung und sozialer Gerechtigkeit verbindet?

Nachhaltiges Wirtschaften hat für die deutsche Stahlindustrie einen sehr hohen Stellenwert. Wir wollen den Politikern und Meinungsträgern beweisen, dass man mit Stahl einen nachhaltigen Werkstoff wählt und unsere Produktion in Deutschland deshalb eine Daseinsberechtigung hat. Es ist falsch, einen Strukturwandel einzuleiten - wie es der Sachverständigenrat beim Bundes-umweltministerium vorschlägt - der die so genannte energieintensive Altindustrie aus Deutschland vertreibt. Das birgt ein hohes Risiko für die weiterverarbeitende Industrie, insbesondere die Automobil- und Maschinenbauindustrie und damit verbunden ein gesamtwirtschaftliches Risiko. Diese Branchen sind so leistungsfähig, weil sie wegen der räumlichen Nähe zur Stahlindustrie gemeinsam maßgeschneiderte Werk-stoffkonzepte entwickeln könnten.

Was tun Sie, um in der Branche nachhaltiges Wirtschaften voranzutreiben?



Wir gehen schrittweise vor, um besser argumentieren zu können. Ende 2001 veröffentlichten wir ein "Leitbild Nachhaltigkeit Stahl", das uns als Arbeitsprogramm diente. Im Oktober 2002 legten wir 21 Indikatoren vor, an denen sich die Branche messen lassen will. Sie orientieren sich an denen der Agenda 21 und der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung, sind aber konkreter. Derzeit arbeiten wir an den Zielen. Sie sollen bis März 2003 formuliert sein.

Die Branche verpflichtete sich, den CO2-Ausstoß bezogen auf die Produktionsmenge bis 2012 um 22% gegenüber dem Referenzjahr 1990 zu senken, das heißt die Energieeffizienz weiter zu steigern.

Damit gehen wir deutlich über die gesetzlichen Anforderungen und das im Klimavertrag von Kyoto vereinbarte Maß hinaus.

Der CO2-Ausstoß der Branche soll aber nur relativ sinken. Bei starkem Wirtschaftswachstum könnten Effizienzerfolge durch Produktionssteigerungen aufgefressen werden und Emissionen absolut steigen. Kyoto aber sieht die absolute Verringerung der Treibhausgase vor.

Zunächst einmal haben wir die CO2-Emissionen trotz einer um rund 1 Mill. t höheren Stahlproduktion in 2001 gegenüber 1990 um 8 Mill. t CO2 gesenkt. Sollte der Bedarf an Stahl stärker steigen, als wir erwarten, können wir dafür nicht bestraft werden. Die Branche bietet mit immer weniger Vormaterial stets mehr Funktionen an. Zudem ist Stahl ein nachhaltiges Produk.

Was macht Stahl zum nachhaltigen Produkt und was ist die größte Herausforderung, es noch nachhaltiger zu machen?

Erstens ist das Produkt langlebig. Zweitens ist der weltweite jährliche Ressourcenabbau von 800 Mill. t vergleichsweise gering angesichts der riesigen Ressourcen von geschätzten 800 Mrd. t Eisenerz. Der Vorrat ist zwar nicht wirklich unendlich, reicht aber für mehrere Jahrhunderte. Eisen ist übrigens das vierthäufigste Element auf dem Globus. Drittens wird fast die Hälfe des Rohstoffbedarfs für deutschen und europäischen Stahl durch Recycling von Stahlschrott gewonnen, der zu 100 Prozent recyclingfähig ist. Vielleicht können wir den Recycling-Anteil bei steigender Schrottmenge noch erhöhen. Derzeit geht das vor allem aus qualitativen Gründen nicht. Hochofen- und Stahlwerksschlacken werden als Nebenprodukte zu 95% wieder verwertet.

Über welche Stärke verfügt die Branche, um den ökologischen Herausforderungen nachhaltig zu begegnen? Wo liegen Wertschöpfungspotenziale?

Wir entwickeln leichtere, höher-feste Stähle. Das spart Rohstoffe und Energie bei der Herstellung. Es senkt den Energieverbrauch bei den Anwendern, zum Beispiel von Fahrzeugen. Oder es erhöht den Nutzwert, beispielweise wenn es die Tragfähigkeit von Mobilkranen bei gleich-bleibendem Gewicht verdreifacht. Eine höhere Ressourceneffizienz ist eine der größten Herausforderungen für die Stahlbranche.

Welche ökologischen Risiken kön-nen von der deutschen Stahlbranche aus gehen?

Keine. Wir sind in Deutschland derart stark und durch automatische Datenfernübertragung überwacht, dass es auch keine schwarzen Schafe mehr geben kann.

Problematisch ist aber der Bergbau. Was tun Sie, um diesen Zulieferer zu bewegen, umweltschonend vorzugehen und zerstörte Naturgebiete zu renaturieren?

Auch die Zulieferer, Bergbaubetriebe in Brasilien, Australien, Kanada und Schweden, haben inzwischen ein Bewusstsein für nachhaltiges Wirtschaften entwickelt. In Brasilien findet ein verantwortungsvoller Abbau der Rohstoffe statt. Bei Beschaffungsgesprächen spielt Nachhaltigkeit eine wichtige Rolle. Wir wollen ja die Akzeptanz unserer Produkte.

Was ist die größte Schwäche der Stahlbranche hinsichtlich nachhaltigen Wirtschaftens?

Es sind die Konjunkturabhängigkeit und zu geringe Rentabilität. Die Zyklizität hat sich zwischen 1994 und 2001 deutlich vermindert, ist aber noch zu groß und belastet die Liquidität. Dies kann in einigen Fällen Investitionen zugunsten nachhaltigerer Wirtschaftsweise behindern.

Wer nachhaltigen Wirtschaftserfolg haben will, sollte aber auch dann investieren, wenn es kurzfristig den Gewinn schmälert. Nachhaltige Investitionen zahlen sich aus. Wie bringen Sie ihre Mitglieder zu langfristigem Denken?

Wir sehen es nicht als unsere Auf-gabe an, zu antizyklischen Investitionen zu motivieren. Für die Zukunft will ich das aber nicht ausschließen angesichts von Erfahrungen, dass sich gerade antizyklische Investitionen langfristig rechnen. Schließlich ist es eine der impliziten Aufgaben der Leitlinien, von langfristigem Denken zu überzeugen.

Vor welchen sozialen Herausforde-rungen steht die Stahlbranche?

Die Folgen ausgefeilterer Produktionstechniken sind zweischneidig. Sie senken die Unfallhäufigkeit, aber Produktivitätssteigerungen bedeuten auch Arbeitsplatzverluste. Es besteht ein Zielkonflikt zwischen der Schaffung von Arbeitplätzen, Produktivitätssteigerungen und dem Erhalt von Stellen. In den vergangenen 30 Jahren sank die Zahl der Beschäftigten von 375 000 auf 100 000 Mitarbeiter. Nur so ist die Branche im Hochlohnland Deutschland wettbewerbsfähig geblieben und hat mitgeholfen, Arbeitsplätze im Automobil- und Maschinenbau zu sichern.

Welche Bedeutung hat für die Stahlhersteller die Aufnahme in Nachhaltigkeitsindices oder-fonds?

Vorreiter im Stahl ist das kanadische Unternehmen Dofasco, das im führenden Nachhaltigkeitsindex Dow Jones Sustainability Group In-dex (DJSGI) notiert ist. Dieses Beispiel wird Schule machen. Auch weil die Automobilhersteller BMW, Daimler-Chrysler und VW als Bran-chenführer des Indexes im DJSGI und teilweise auch in europäischen Nachhaltigkeitsindices aufgenommen sind, wächst der Druck auf die deutsche Stahlbranche, sich anzustrengen und Nachhaltigkeitsberichte zu liefern. Die Hersteller handeln: Thyssen-Krupp ist seit Ende August Mitglied von "econsense", dem Forum der deutschen Wirtschaft für nachhaltige Entwicklung, und Salz-gitter will Mitglied werden.

Zur Nachhaltigkeit gehört der Dialog mit der Öffentlichkeit. Wann bringen alle Hersteller einen Nachhaltigkeitsbericht heraus, der Transparenz, Vergleichbarkeit und Glaubwürdigkeit ermöglicht?

Ich würde es begrüßen, wenn die Unternehmen ihre Umweltberichte schon dieses Jahr in Nachhaltigkeitsberichte ausweiteten. Aber das ist eine Illusion. Vielleicht schaffen wir es in zwei bis drei Jahren.

Für nachhaltiges Wirtschaften sind neue Managementformen nötig.

Sicher, unsere Mitglieder werden auf ihre Unternehmen zugeschnitte-ne Konzepte weiterentwickeln. Diesen Prozess würden wir begleiten. Im Laufe des Sommers wird uns auch das Thema Corporate Governance beschäftigen, wobei Nachhaltigkeit ein Element sein wird. Auf Ebene des Internationalen Eisen- und Stahlinstituts IISI gibt es ebenfalls eine Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit, die Leitlinien und Indikatoren zum nachhaltigen Wirtschaften entwickelt. Hier führt Dofasco den Vorsitz.

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