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15.04.2003

07:34 Uhr

Herr Schmoldt, die Gewerkschaften verhindern mehr Unabhängigkeit und Professionalität der Unternehmenskontrolle in den Aufsichtsräten, kritisiert Industriepräsident Michael Rogowski. Zu recht?

Die Kapitalseite sollte sich erst mal an die eigene Nase fassen. Die Beiträge ihrer hochwohlmögenden Vertreter sind sicher nicht qualifizierter als das, was von der Arbeitnehmerseite kommt. Ich behaupte mal, dass ich über Unternehmensinterna besser informiert bin als viele Mitglieder der Kapitalseite in den Aufsichtsräten, in denen ich sitze. Nehmen sie die Vertreter der Banken. Die kommen mit vorbereiteten Dossiers ihrer Stäbe an und sind selbst oft gar nicht in der Materie drin. Manche habe ich noch nie reden hören

.

Aber stehen die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat nicht unter einem schwierigen Interessenkonflikt zwischen dem Erhalt der Arbeitsplätze und dem Börsenwert des Unternehmens, der ihnen die unabhängige Kontrolle erschwert?

Ich sehe diesen Interessenkonflikt nicht. Jeder Arbeitnehmervertreter weiß heute, wie wichtig bei einer börsennotierten Aktiengesellschaft der Unternehmenswert ist. Uns treibt doch auch die Sorge um, dass die zu niedrig bewerteten deutschen Unternehmen Übernahmekandidaten sind. Für die Arbeitnehmervertreter ist der Erhalt ihres Unternehmens existenziell, denn es geht um ihre Arbeitsplätze. Auf der Kapitalseite dagegen geht es nur ums Geld. Sicher gibt es Fälle, in denen die Arbeitnehmerbank ihren Vorstand im Aufsichtsrat schont. Aber ich würde jede Wette eingehen, dass dies auf der Kapitalseite in viel größerem Umfang geschieht. Die schlimmsten Pleiten in Deutschland geschahen doch jedes Mal unter den Augen der Bankenvertreter im Aufsichtsrat. Das Problem der Interessenkollision ist auf der Kapitalseite durch die oftmals bestehene Ämterhäufung viel größer. Bei den Gewerkschaften ist die Aufsichtsratstätigkeit grundsätzlich auf zwei Mandate beschränkt.

BDI-Chef Rogowski fordert, die Zahl der Aufsichtsratsmitglieder zu halbieren. Stimmen Sie dem zu?

Nein, denn die Größe der Aufsichtsräte kann zu der geforderten Professionalisierung beitragen, etwa durch intensivere Ausschussarbeit. Die damit verbundene zusätzliche Arbeit ließe sich auf mehr Schultern verteilen.

Wo sehen Sie Reformbedarf

?

Wir müssen der zunehmenden Internationalität der Unternehmen gerecht werden. Das gilt auch für die Arbeitnehmerseite. Die Aufsichtsräte international agierender deutscher Konzerne gehören auch für ausländische Belegschaftsvertreter geöffnet. Heute können Arbeitnehmer, die beispielsweise bei einer Tochter in den USA beschäftigt sind, nicht Mitglied des Aufsichtsrats der deutschen Konzernmutter werden. Das muss der Gesetzgeber ändern. Allerdings müssen deutsche Arbeitnehmervertreter dann auch Zugang zu den Kontrollgremien ausländischer Gesellschaften bekommen.

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass sich Unternehmen mit ausländischer Rechtsform in Deutschland ansiedeln dürfen. Untergräbt das die Mitbestimmung?

Das befürchten wir. Aber das Urteil erlaubt dem nationalen Gesetzgeber, für solche Fälle Mindeststandards aufzustellen. Das ist nun die Aufgabe der Bundesregierung.

BDI-Chef Rogowski warnt, die Unternehmen könnten sich der Mitbestimmung entziehen, indem sie Holdings im Ausland gründen.

Dieser Vorwurf ist neben der Sache. Ich kenne keinen Fall einer Flucht aus Deutschland wegen der Mitbestimmung. Cognis, die Chemietochter von Henkel, ist zwar neben steuerrechtlichen auch aus Mitbestimmungsgründen nach Holland gegangen. Doch jetzt kommt Cognis wieder nach Deutschland zurück.

Wie wollen Sie ausländischen Konzernen schmackhaft machen, dass Gewerkschaftsvertreter in ihren Aufsichtsräten eine gute Sache sind?

Die Ergebnisse des US-Modells der Unternehmenskontrolle sind nicht besser als die des dualen System in Deutschland. Das sieht man an den Bilanzskandalen bei Enron und Worldcom. Ein Aufsichtsrat ist keine Kuschel-Muschel-Veranstaltung. Er ist eine Chance, dort kontrovers zu diskutieren.

Die Fragen stellte Helmut Hauschild

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