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04.02.2001

18:40 Uhr

Napster darf jetzt auf allen Rechnern bei Universal Music Deutschland installiert werden – Hartes Jahr für Musikbranche

Universals Musikportal Vizzavi soll Tauschbörsen in Deutschland Paroli bieten

VonA. POSTINETT, G. LIPINSKI

Tim Renner hätte nichts gegen eine Kooperation mit einem kommerzialisierten Napster einzuwenden. Der 36-jährige neue Chef soll die deutsche Universal Music Group in das Internet-Zeitalter führen.

HAMBURG. Auch bei der Universal Music Group in Hamburg kann jetzt Napster installiert werden. Als eine seiner ersten Amtshandlungen hat Tim Renner, neuer President und CEO der deutschen Tochter des größten Musikkonzerns der Welt, die IT-Abteilung überzeugt, ihren Widerstand gegen die Installation der Musik-Tauschbörse (und anderer Web-Dienste) aufzugeben. "Die Mitarbeiter sollen selber erfahren, was ihre Kunden draußen leben," begründet der 36jährige die Maßnahme. Der Milliarden-Dollar-Konzern Universal hat nach eigenen Angaben im abgelaufenen Jahr einen Marktanteil von 27 % erreicht. Regionale Umsatzzahlen werden nicht veröffentlicht. Bekannte Acts sind Stars wie Eminem, Sting, U2, Mark Knopfler, Ronan Keating oder Lionel Richie.

Persönlich hätte Renner auch keine Probleme mit einer Napster-Kooperation: "Zur Nutzung eigener Rechte würde ich mich nie dagegen sperren, dass sich Universal an Napster beteiligt", gibt sich Renner, seit 30 Tagen im Amt, ganz profitorientiert. Er schränkt aber sofort ein: "Wenn Bertelsmann ein tragfähiges Businessmodell vorlegt." Derzeit klagt Universal, die Musiksparte des französischen Vivendi-Konzerns, vor Gericht noch vehement wegen Urheberrechtsverletzung gegen Napster.

Außerdem baut Vivendi Universal längst an einem Konkurrenzprodukt. Voraussichtlich im Mai soll auch die deutsche Web-Seite des Medienportals Vizzavi (www.vizzavi.fr) ans Netz gehen, laut Renner der digitale Musik-Outlet der Universal, der Musik auf Handys, PC oder sonstige Web-Zugangsgeräte liefern soll. Der jüngste Chef bei einem der großen Musikriesen sieht neben Mobilanwendungen im digitalen Vertrieb das Fernsehen mit PC-Funktionen als Gewinner.

Von den bei der neuen Vivendi Universal Gruppe geplanten Kostensenkungen wird die deutschen Universal kaum betroffen sein, meint der Jungmanager, mit dessen Antritt nach Branchenmeinung ein neuer Generationswechsel in der Musikbranche an der Schwelle zum Internet eingesetzt hat. Man habe gerade erst eine Fusion (mit Polygram) hinter sich, da sei "einiges optimiert worden". Es gebe "andere Bereiche, die eher betroffen sein dürften." Der französische Konzern mit seinen 71 000 Mitarbeitern will in Europa und Nordamerika Tausende Arbeitsplätze streichen. Unklar ist noch, ob die deutsche Universal mit ihren 500 Mitarbeitern nach Berlin umziehen wird. Man befinde sich "in der Auswahlphase".

Das laufende Jahr wird hart für die Musikindustrie, glaubt Renner. Inflationsbereinigt gehe der Umsatz seit Jahren zurück, auch wenn offiziell immer von "Stagnation auf hohem Niveau" gesprochen werden. Im Dezember - also zum Weihnachtsgeschäft - habe der Handel rund 23 % weniger CD bei den Herstellern geordert als im Vorjahr. "Das ist ein Warnsignal", so Renner, "und ein Hinweis auf die Liquiditätslage der Händler". Der klassische Musikhandel verliert ständig Marktanteile an Handelsketten wie Mediamarkt oder Saturn und nun auch an Internet-Dienste wie Napster oder Gnutella. 1999 wurden in Deutschland für 4,9 Mrd. DM Tonträger verkauft, 1998 waren es 5 Mrd. DM, davor 5,1 Mrd. DM.

Doch von Panik sei keine Rede. Speziell Universal sei für 2001 von der Release-Liste (Neuerscheinungen) her sehr gut aufgestellt, meint Renner, der hofft, den Markttrend brechen zu können. Auch vom Ertrag her ist noch lange keine Unruhe angesagt. Wir schreiben "sehr, sehr schwarze Zahlen", freut sich Renner.



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