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13.02.2001

19:26 Uhr

Es wurde Dienstagmorgen, der Morgen nach der Verkündung des Richterspruchs, und die Musikbörse Napster war noch immer im Netz präsent. Der umstrittene Internettauschdienst hat Zeit gewonnen, und mehr konnte er unter den gegebenen Umständen wirklich nicht verlangen. Das Fatale dabei: Jeder weitere Tag am Netz kann Napster schneller in den Ruin treiben.

Das Gericht in San Francisco hat zwar die sofortige Schließung von Napster wegen Verletzung von Urheberrechten als überzogen zurückgewiesen. Doch es hat auch festgestellt, dass das Unternehmen bei der Verletzung von Urheberrechten helfe, wenn es dulde, dass Musikstücke illegal getauscht würden. Und es gebe Hinweise, dass die Webpioniere um Jungstar Shawn Fanning zumindest teilweise gewusst hätten, dass da nicht alles mit rechten Dingen zugehen konnte. In Zukunft müssen sie solche Verletzungen unterbinden, wenn sie sie bemerken. Bisher hat sich Napster auf den Standpunkt gestellt, das sei technisch unmöglich.

Wer das US-Rechtssystem kennt, weiß, dass solche Aussagen eines Gerichts sehr teuer werden können. Mindestens 100 000 $ pro raubkopiertem Lied plus Kosten plus Strafe verlangen die klagenden Musikfirmen. Die Instanz, an die jetzt das Verfahren zurückverwiesen wird, wird sich an den Vorgaben aus San Francisco orientieren. Bei Millionen von Tauschoperationen pro Tag wird es für Napster schon eng, wenn die Gegner nachweisen können, dass nur ein Bruchteil davon illegal und geduldet ist. Dann droht der Konkurs, bevor die Gerichte auch nur die Hauptverhandlung eröffnen: Es ist ein echter Pyrrhussieg.

Napster in seiner alten anarchischen Form ist mit dem Urteil von Montag eigentlich schon Vergangenheit. Doch im Untergrund werden sich weiter Tauschnetze ausbreiten. Das Problem ist also nicht aus der Welt. Die Frage ist, wie die Musikindustrie ihren Sieg nutzen wird. Wird sie Napster zerschlagen, um ein Exempel zu statuieren? Oder wird sie - ähnlich wie zuvor bei der Webseite MP3 - ihre Stärke nutzen, um sich mit den Rebellen zu einigen? So könnte sie ein Marktpotenzial von mehr als 60 Millionen registrierten Nutzern erschließen.

Noch sind die fünf großen Musikkonzerne dafür viel zu zerstritten. Sie betreiben nebeneinander acht verschiedene Techniken für das Herunterladen von Musiktiteln aus dem Netz. Und keiner will nachgeben, denn jeder will den Standard setzen für den neuen Milliardenmarkt. Laut Vivendi-Chef Jean-Marie Messier ist der Musikvertrieb per Internet eine Chance, "wie sie sich im Leben nur einmal bietet".

Eine wichtige Rolle wird der deutsche Bertelsmann-Konzern spielen. Er hat eine Option auf eine Mehrheit an Napster. Diese würde mit einem Konkurs Napsters wertlos. In einer geretteten und von Schadensersatzansprüchen befreiten Tauschbörse Napster wiederum werden alle Musikfirmen gebührend repräsentiert sein wollen.

Wenn sie das nicht durchsetzen können, werden sie wohl lieber bis zum bitteren Ende weiter prozessieren. Vom Verhandlungsgeschick Bertelsmanns und der Bereitschaft, schmerzliche Abstriche an den alten Plänen vorzunehmen, könnte viel abhängen. Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff wurde schon einmal als Retter von Napster gefeiert - etwas zu früh. Aber er könnte es wirklich werden.

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