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26.07.2000

17:23 Uhr

Napster-Prozess

Musikbranche will Internet-Piraterie stoppen

RIAA und verlangt eine einstweilige Verfügung zur Streichung aller urheberrechtlich geschützten Musiktitel aus den Verzeichnissen der Napster-Webserver bis zum Prosessbeginn.

vwd SAN FRANCISCO. An diesem Mittwoch beginnt in San Francisco die gerichtliche Anhörung in dem Verfahren, das die Recording Industry Association of America (RIAA), Washington, gegen das Internet-Unternehmen Napster Inc, San Mateo, angestrengt hat. Die RIAA wirft Napster Musikpiraterie vor und verlangt eine einstweilige Verfügung zur Streichung aller urheberrechtlich geschützten Musiktitel aus den Verzeichnissen der Napster-Webserver, bis der eigentliche Prozess beginnt.

Die Napster Inc bietet den rund 20 Millionen Nutzern ihres Internet-Angebots die Möglichkeit, MP3-Musikdateien zu suchen und anderen zur Verfügung zu stellen. Vor der Entwicklung von Napsters "Peer-to-Peer"-Technologie mussten MP3-Dateien von Websites heruntergeladen werden. Gegen Urheberrechtsverstöße vorzugehen, war für die RIAA vergleichsweise simpel. War der Ort bekannt, an dem eine Datei lagert, konnte der Provider dazu gezwungen werden, die Website zu schließen. Bei Napster enthalten die Web-Server dagegen nicht die Dateien selbst, sondern lediglich Verweise auf den Ort, an dem eine MP3-Datei im Netzwerk von tausenden von registrierten Nutzern zu finden ist.

Napster-Anwalt David Boies, der für das US-Justizministerium an der Ausarbeitung der Kartellrechtsklage gegen die Microsoft Corp, Redmond, mitgearbeitet hat, sieht im Treiben der Napster-Nutzer nichts Unrechtmäßiges. Seiner Ansicht nach missbraucht die Musikindustrie ihre Urheberrechte. Auf dieser Grundlage spricht Boies der RIAA das Recht ab, diese auch durchzusetzen. Dabei zieht er Parallelen zum Microsoft-Prozess: "In beiden Fällen haben ein dominierendes Unternehmen oder eine Gruppe von Unternehmen versucht, mit Hilfe der aus ihrer Marktmacht resultierenden Stärke eine neue Technologie zu zerschmettern, bevor sie sich als Wettbewerber etablieren konnte", argumentierte Boies.

Ein zentraler Begriff in diesem Verfahren ist die Frage, wie sich das Recht auf die "private Nutzung" von Musikstücken definieren lässt. "Es ist ein einfaches Konzept: Im Rahmen der privaten Nutzung können sich die Verbraucher einen Film aus dem Kabelfernsehen auf Video aufnehmen, um ihn sich später anzusehen. Aber das heißt nicht, dass sie Kopien für ihre Freunde und Nachbarn herstellen dürfen", erläuterte James Isbester, Urheberrechtsexperte bei Gibson, Dunn & Crutcher im Gespräch mit CBS MarketWatch. "Auf diese Weise würden dem Produzenten des Videos potenzielle Einnahmen entzogen", meint Isbester.

Die Argumentation der Musikindustrie stützt sich auf rückläufige Verkaufszahlen in Gebieten, in denen die Zahl der Napster-Nutzer besonders hoch ist, etwa Universitätsviertel. "Dabei stellt die RIAA nicht klar, dass der stärkste Rückgang bereits vor dem Start von Napster stattgefunden hat. Ihre Analyse berücksichtigt auch nicht, dass der Übergang zu Online-Vertriebswegen auch ohne Napster stattgefunden hätte", kommentierte Aram Sinnreich, Analyst des Marktforschungsinstituts Jupiter Communications Inc, New York.



Die Wahrscheinlichkeit, dass Napster-Nutzer ihre Ausgaben für Musik erhöhen, ist um 45 % höher als bei Nicht-Nutzern des Online-Angebots, haben die Marktforscher in einer aktuellen Studie ermittelt. Wenn sich die Musikindustrie mit Abietern wie Napster zusammenschließen würde, wäre ihr Nutzen "exponentiell höher", sagte Sinnreich. Für die Industrie liege die Herausforderung darin, die Verbraucher in von ihr gesponsorte Online-Kanäle zu locken. Schutz vor Viren und die Qualität der Musikdateien seien dabei die entscheidenden Trümpfe in den Händen der Musikindustrie, fügte Sinnreich hinzu.

Tatsächlich lässt sich die Internet-Musikpiraterie durch Grundsatzentscheidungen, wie sie die RIAA in San Francisco anstrebt, nicht eindämmen. Neben (noch) legalen Angeboten wie Napster existiert bereits eine ganze Reihe von durch das Unternehmen nicht autorisierten Napster-Servern im Untergrund. Tagtäglich wird auf der Website von "Gnutella News" - so benannt nach einem Napster-ähnlichen Produkt - neu entwickelte Software vorgestellt, zuletzt die dritte Betaversion von "Konspire", das Produkt einer Firma mit dem viel versprechenden Namen Hardened Criminal Software.

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