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29.01.2003

13:56 Uhr

Nationalspieler wechselt den Arzt

Ursachensuche nach Nowotny-Verletzung

Falsche Behandlung, zu früh eingestiegen oder einfach nur Pech? Einen Tag nach der niederschmetternden Diagnose ist die Ursache des zweiten Kreuzbandrisses in Jens Nowotnys rechtem Knie weiterhin unklar.

HB/dpa HAMBURG. "Vielleicht hat man sich über biologische Einheilvorgänge hinweggesetzt", mumaßte der Hamburger Sportmediziner, Professor Bernd M. Kabelka, im "Hamburger Abendblatt". Auch sein Kollege Joachim Cassens äußerte Zweifel an der Rehabilitationszeit des 37-maligen Nationalspielers. Es sei fraglich, ob sechs Monate Pause seit der letzten Operation ausreichen, so der Hamburger Orthopäde im "Kölner Stadt-Anzeiger".

Auf jeden Fall verlief der Heilungsprozess bei Nowotny alles andere als ideal. Der 29 Jahre alte Bayer-Kapitän hatte laut "Kölner Express" während der Rehabilitation regelmäßig über einen "stechenden Schmerz" geklagt. Komplikationen gab es bereits bei der unmittelbaren Behandlung seines im Champions-League-Halbfinale gegen Manchester United am 30. April 2002 zugezogenen ersten Kreuzbandrisses.

Der Nationalspieler ließ sich von dem anerkannten Spezialisten Richard Steadman am 13. Mai operieren. Doch weil die zunächst angewandte konservative Heilungsmethode keinen Erfolg brachte, musste Nowotny am 22. Juli erneut unters Messer. Bei der Operation wurde ihm ein Kreuzband-Transplantat eingesetzt. Bereits fünfeinhalb Monate später, Anfang Januar, stieg der Bayer-Abwehrchef wieder in das Mannschaftstraining ein. Beim Comeback am Sonntag gegen Energie Cottbus riss das geflickte Kreuzband bereits erneut.

Bayer Leverkusens Geschäftsführer Reiner Calmund hält sich mit offener Kritik an Steadman ("Ich mache ihm keine großen Vorwürfe") zurück. Doch Nowotnys Vertrauen in Steadmans Künste scheint zumindest getrübt zu sein. "Ich denke, dass die Wahl, es diesmal in Deutschland zu machen, vielleicht die bessere ist", sagte er dem Fernsehsender RTL. Deshalb wird der erneute Eingriff - vermutlich Ende dieser Woche - von dem Kniespezialisten Heinz-Jürgen Eichhorn und Clubarzt Thomas Pfeifer in Regensburg vorgenommen.

Für Nowotny ist es ein schwacher Trost, dass er kein Einzelfall ist. Ganz im Gegenteil. Nach dem Dortmunder Otto Addo, dem Bremer Manuel Fiedrich und Hasan Salihamidzic vom FC Bayern ist er bereits der vierte Bundesliga-Profi, der sich in dieser Saison den zweiten Kreuzbandriss innerhalb kurzer Zeit zugezogen hat. Bis auf Friedrich wurden sie alle von Steadman operiert, der sich den Ruf eines "Knie- Gurus" erworben hat und über eine beeindruckende Patientenkartei verfügt: Von Ronaldo über Zinedine Zidane und Diego Maradona bis zu Monica Seles.

Der Amerikaner hatte zudem beinahe die gesamte Prominenz des FC Bayern München auf seinem Operationstisch liegen: Lothar Matthäus, Oliver Kahn, Giovane Elber, Bernd Dreher, Sebastian Deisler und zuletzt Salihamidzic hatten sich nach schweren Knieverletzungen in seine Hände begeben. "Die Erfolgsquote stimmt", urteilt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt. Der Arzt der Nationalmannschaft und des FC Bayern München schwört deshalb seit weit über einem Jahrzehnt auf Steadman.

Andere Kollegen sind skeptischer, beispielsweise Eintracht Frankfurts Mannschaftsarzt Christoph Seeger. "Es gibt hier zu Lande etwa zehn Kollegen, die das meiner Meinung nach genauso gut können", sagte der Orthopäde der "Frankfurter Rundschau", "aber viele Clubs haben eben gute Erfahrungen mit Dr. Steadman gemacht."

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