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05.01.2001

16:38 Uhr

Nato-Generalsekretär Robertson kündigt Ermittlungen an

"Balkan-Syndrom" schreckt auch die NATO auf

Nachdem sechs auf dem Balkan eingesetzte italienische Soldaten an Krebs starben, sicherte der NATO-Generalsekretär Robertson der italienischen Regierung zu, Ziele die mit Uran abgereicherter Munition angegriffen worden sind zu nennen. Nach Angaben der Bundesregierung sind bislang keine deutschen Soldaten mit Uran-Munition verseucht worden.

ap BRÜSSEL/BERLIN. Jetzt will auch die NATO einem möglichen Zusammenhang zwischen Uran-Geschossen und Krebserkrankungen bei Soldaten auf dem Balkan nachgehen. Generalsekretär George Robertson sicherte der italienischen Regierung am Freitag zu, baldmöglichst eine Liste mit den Zielen zusammenzustellen, die von Waffen mit abgereichertem Uran angegriffen wurden. Nach Angaben der Bundesregierung ist bislang kein deutscher Soldat in Bosnien oder im Kosovo mit Uran-Munition verseucht worden.

In Italien sind bislang mindestens sechs auf dem Balkan eingesetzte Soldaten an Krebs gestorben, fünf davon an Leukämie. Ein weiteres Leukämieopfer gab es unter tschechischen Balkan-Soldaten. Ferner wurde bei vier Franzosen Blutkrebs diagnostiziert. Es besteht der Verdacht, dass die Erkrankungen in Zusammenhang mit uranhaltiger Munition stehen, die das US-Militär im Kosovo-Krieg und in Bosnien eingesetzt hat. Nach Angaben der Regierung in Washington wurden im Kosovo-Krieg 31 000 und in Bosnien 18 800 dieser Geschosse abgefeuert.

Robertson sagte in seinem Brief an die Regierung in Rom, er sei sicher, dass die Ergebnisse der NATO-Untersuchungen den Verdacht eines Zusammenhangs nicht bestätigen würden. Auch die USA haben bestritten, dass die eingesetzte Munition verantwortlich für die Krebserkrankungen ist. In Italien sowie in anderen Staaten laufen dennoch eigene Untersuchungen zum so genannten Balkan-Syndrom. Auch die EU-Kommission hat informelle Ermittlungen angekündigt.

Radioaktive Einschlagstellen gefunden

Nach einem Bericht der Berliner "Tageszeitung" (Samstagausgabe) hat die UN-Umweltorganisation UNEP mehrere radioaktive Einschlagstellen im Kosovo gefunden. Das gehe aus einem Zwischenbericht über mögliche Risiken durch urangehärtete Geschosse hervor. Dabei seien Ansammlungen von Uranstaub gefunden worden.

Der Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums, Detlef Puhl, sagte in Berlin, das Thema werde ernst genommen. Seit Sommer 1999 werde stichprobenartig untersucht, ob die Maßnahmen zum Schutz deutscher Soldaten vor einer eventuellen Berührung mit dem abgereicherten Uran aus der Munition ausreichten. Darüber hinaus werde jeder aus dem Balkan-Einsatz zurückkehrende Soldat medizinisch untersucht. Bislang habe es keine Kontaminationen gegeben.

Verbot von Uran-Munition gefordert

Der stellvertretende Vorsitzende der Strahlenschutzkommission, Wolfgang Köhnlein, sagte im Inforadio Berlin-Brandenburg, es sei höchste Zeit, einen Stopp panzerbrechender Waffen zu fordern, da sie Soldaten und Bevölkerung in hohem Maße belasteten. Die grüne Verteidigungsexpertin Angelika Beer sagte im Westdeutschen Rundfunk, die Bundesregierung solle sich in Brüssel für eine internationale Ächtung von Uranmunition und Splitterwaffen einsetzen. Der Vorsitzende des Bundeswehrverbandes, Bernhard Gertz, sagte im Norddeutschen Rundfunk, auch geringe gesundheitliche Risiken könnten vermieden werden, indem man panzerbrechende Munition ohne Uran verwende.

Die Behörden in Sarajevo legten unterdessen Gesundheitsstatistiken vor, wonach in der bosnischen Föderation im vergangenen Jahr ein leichter Anstieg bösartiger Erkrankungen zu verzeichnen war. In Mostar seien drei Fälle von Leukämie registriert worden, erklärte das Gesundheitsministerium. Ärzte wiesen aber darauf hin, dass die Statistik wegen Organisationsmängeln nicht vollständig sei.

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