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30.01.2001

09:58 Uhr

Nervosität im Vorfeld der Fed-Sitzung

US-Geldpolitik: Lieber keine Anpassungsrezession

Alles andere als eine Zinssenkung um 50 Basispunkte dürfte von vielen Experten als herbe Enttäuschung aufgefasst werden. Tatsächlich gibt es viele Argumente, die für einen solchen Schritt der US-Notenbank sprechen.

vwd WASHINGTON. In der vergangenen Woche führte die Indiskretion eines Journalisten der Agentur Market News zu einigen Irritationen. Dieser hatte in einem Bericht aus dem Umfeld der US Federal Reserve zitiert, dass dort möglicherweise nur eine Zinssenkung von 25 Basispunkten im Anschluss an die Sitzung am (heutigen) Dienstag und Mittwoch in Erwägung gezogen wird. In der Folgezeit kam es zu erheblichen Volatilitäten an den Märkten, die sich erst später wieder glätteten. Das Beispiel zeigte die hochgradige Nervosität, die im Vorfeld des Treffens des Offenmarktausschusses (FOMC) der Fed herrscht.

Alles andere als eine Zinssenkung um 50 Basispunkte würde als herbe Enttäuschung aufgefasst werden. Der Mannschaft um Fed-Chairman Alan Greenspan dürfte diese Nervosität nicht entgangen sein. Dies könnte aller Voraussicht nach die Wahrscheinlichkeit dafür deutlich anheben, dass der Zielsatz für die Fed Funds Rate tatsächlich um eben diese 50 Basispunkte auf 5,50 % reduziert wird, nachdem bereits zu Beginn des Jahres die Fed nach einer außerplanmäßigen Konsultation die Zinsen um den gleichen Betrag gesenkt hatte. Und tatsächlich sind auch die Argumente, die für einen solchen Schritt sprechen, auf den ersten Blick überwältigend.

Die US-Konjunktur steht das erste Mal seit Beginn der neunziger Jahre am Rande einer Rezession, gleichzeitig haben die bisherigen Inflationsrisiken spürbar abgenommen. Greenspan hat am Donnerstag vor dem Finanzauschuss des US-Senats die Möglichkeit eingeräumt, dass sich die US-Wirtschaft derzeit in einer Phase des Nullwachstums befindet - ein Rückschlag, der nach etlichen Quartalen mit Wachstumsraten von teilweise deutlich mehr als vier Prozent einer harten Konjunkturlandung gleichkommt.

So wird dann auch vor dem Hintergrund der sehr schwachen Entwicklung in der Industrie bereits für das vierte Quartal des vergangenen Jahres von manchen Analysten nur noch mit einem BIP-Wachstum von unter zwei Prozent gerechnet, ein erster - wenngleich noch erträglicher - Vorgeschmack dessen, was zumindest für die ersten beiden Quartale 2001 zu erwarten ist. Die entsprechenden BIP-Zahlen werden vor der Fed-Zinsentscheidung am Mittwoch bekannt gegeben.

Aber nicht nur innerhalb der US-Notenbank macht sich Wachstumspessimismus und Rezessionsangst breit. Die meisten Bankenvolkswirte haben ihre BIP-Prognosen für 2001 deutlich heruntergenommen und die Wahrscheinlichkeit, mit der sie eine Rezession erwarten, heraufgesetzt. Auch der als Optimist bekannte Alan Blinder, ehemaliger Fed-Vize unter Greenspan und heute immer noch einer der einflussreichsten US-Ökonomen, quantifizierte auf dem World Economic Forum in Davos diesen Wert auf immerhin 30 %.

Wenngleich aus kurzfristiger konjunktureller Perspektive kaum jemand die Notwendigkeit einer kräftigen Zinssenkung bestreitet und einige Volkswirte (BNP Paribas, UBS Warburg) bis Juni die Fed Funds Rate bei nur noch 4,50 % sehen, gibt es andererseits auch Kritiker, die an die Notwendigkeit einer Anpassungsrezession glauben. In dem Lager dieser vorgeblichen Spielverderber wird vor allem auf die Ungleichgewichte in der US-Wirtschaft hingewiesen: das hohe Leistungsbilanzdefizit, die immer noch sehr hoch bewerteten Aktienmärkte und damit verbunden, die geringe Ersparnis.

Allein eine Rezession könne diese Schieflagen mittelfristig wieder stärker ins Lot bringen, heißt es von dieser Seite. Das für die Fed hinter diesen Ungleichgewichten stehende Dilemma offenbarte sich bereits nach der ersten Zinssenkung in diesem Jahr mit den wieder deutlich anziehenden Aktienkursen. Die Nasdaq stieg in nur wenigen Wochen wieder um einen zweistelligen Prozentsatz und der aus gesamtwirtschaftlicher Sicht interessantere, weil breiter gefasste Wilshire-5000-Index lag gegenüber seinem Tiefstand im Dezember um knapp 10 % im Plus.

So wird vielleicht zurecht davor gewarnt, dass durch zu schnelle und deutliche Zinssenkungen wieder zu viel Liquidität geschaffen wird, mit der Folge eines erneuten Aufblähens des Aktienkurse, ein Phänomen, das seit den Finanzmarktkrisen 1998 und der großzügigen Liquiditätsbereitstellung im Vorfeld von Y2K bestens bekannt sein sollte.

Dennoch ist nicht davon auzugehen, dass diese Argumente bei der FOMC-Sitzung eine domierende Rolle spielen werden. Vielmehr wird wieder der kurzfristige Blick dominieren und die US-Geldpolitik von der Maxime bestimmt sein, die schlechten Stimmungsindikatoren aufzuhellen und das "hard landing" weitgehend "soft" ausfallen zu lassen. Sollten die Daten zum US-Verbrauchervertrauen am Dienstag schlecht ausfallen und die Fed vorzeitige Kenntnis von einer weiteren starken Abschwächung des NAPM-Index (Donnerstag) und schlechten Arbeitsmarktzahlen (Freitag) haben, ist der große Zinsschritt sicher.

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