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06.01.2003

07:13 Uhr

Neue Anwendungen für bestehende Medikamente sollen Pillenhersteller aus der Flaute holen

Pharmabranche poliert alte Arzneien auf

VonSiegfried Hofmann

Arzneiherstellern mangelt es an neuen umsatzstarken Medikamenten. Die Branche versucht deshalb, ihre bereits zugelassenen Mitteln auf möglichst viele Anwendungen auszudehnen.

FRANKFURT/M. Aus Furcht vor Umsatzrückgängen verstärken Pharmafirmen die Suche nach neuen Anwendungen für alte Medikamente. Mit Erfolg: Der Schweizer Konzern Novartis erhielt am Freitag für sein Krebsmittel Glivec in Europa die Genehmigung für die Erstbehandlung von Leukämie-Patienten. Konkurrent Merck & Co darf sein Asthmamittel Singulair künftig auch gegen Heuschnupfen einsetzen. Schering bekam für das Aknemittel Finacea eine erweiterte Zulassung für die Behandlung von Hautkrankheiten.

Solche Zusatz-Genehmigungen für bereits vermarktete Mittel erscheinen zwar unspektakulär. Sie haben aber in der Branche enorm an Bedeutung gewonnen. Weil der Nachschub an neuen Arzneien aus den Labors stockt, müssen Pharmakonzerne für existierende Wirkstoffe zusätzliche Einsatzgebiete finden. Die Suche nach neuen Anwendungsgebieten entscheidet häufig darüber, ob Medikamente als Nischenprodukte enden oder zum so genannten Blockbuster mit Milliardenumsätzen aufsteigen können.

Analysten der US-Investmentbank Lehman Brothers gehen davon aus, dass die deutlich rückläufigen Zulassungen neuer Wirkstoffe zu einem großen Teil durch höhere Umsätze bei den Einzelprodukten kompensiert werden. Mehrere Mittel gegen Bluthochdruck zum Beispiel verbuchen starkes Wachstum, weil sie gegen andere Kreislauferkrankungen eingesetzt werden.

Novartis folgt mit dem vor zwei Jahren erstmals zugelassenen Medikament Glivec einer ähnlichen Strategie, wie sie bereits die US-Firmen Idec und Genentech mit Rituxan praktizieren. Dieses Mittel, das der Pharmariese Roche in Europa unter dem Namen Mabthera vermarktet, wurde 1997 zunächst nur für die Behandlung einer seltenen Lymphdrüsenkrebs- Variante zugelassen. Erst spätere Studien bei anderen Krebsarten machten Rituxan zum Bestseller mit inzwischen mehr als 1 Mrd. $ Umsatz.

Ähnlich erfolgreich agiert die deutsch-französische Aventis SA mit dem Krebsmittel Taxotere. Für Konzernchef Igor Landau spielt der Ausbau eine entscheidende Rolle: Es gehe nicht nur um neue Medikamenten aus der Forschung, sagt er. "Viel wichtiger sind Produkte, die schon existieren und für die man neue Anwendungsgebiete erschließen kann."

Die Forschung wird von diesen Erfahrungen mehr und mehr beeinflusst: Viele Pharmafirmen investieren stark in weitergehende Studien, die nach der Erstzulassung der Arzneien gestartet werden. Forscher warnen jedoch vor Übertreibungen bei der so genannten Suche nach neuen Krankheiten. Der britische Wissenschaftler Ray Moynihan wirft der Pharmaindustrie vor, beispielsweise die "weibliche Impotenz" als Krankheit erfunden zu haben. Denn die Branche wolle nach den Erfolgen des Potenzmittels Viagra nun auch mit Medikamenten für Frauen ein ebenso starkes Geschäft machen.

Weitergehende Studien über entdeckte Wirkstoffe haben vielen Pharmafirmen zu überraschenden Milliardenumsätzen verholfen. Viagra beispielsweise hat auf ganz anderen Gebieten Karriere gemacht als ursprünglich vorgesehen. Der US-Konzern Pfizer hat die blau schimmernde Arznei zunächst als Herzmedikament entwickelt. Erst nachdem sich Testpatienten weigerten, die Pillen zurückzugeben, wurden Pfizer - Forscher auf die segensreiche "Nebenwirkung" in Gestalt der Erektionsförderung aufmerksam.

Ein anderes Beispiel ist Thalidomid - ein Wirkstoff, der vor vierzig Jahren unter dem Namen Contergan als Beruhigungsmittel vermarktet wurde. Er löste damals schwere Missbildungen bei Neugeborenen aus. Inzwischen erlebt Thalidomid eine Renaissance als Krebsmedikament und beschert der US-Firma Celgene starkes Wachstum.

Der US-Pharmakonzern Abbott Labs kündigte an, sein neues Medikament Humira für den Einsatz in fünf weiteren Therapiegebieten weiterentwickeln zu wollen. Abbott hat vor wenigen Tagen bereits die Zulassung von Humira zur Behandlung von Rheuma bekommen. Das Mittel war anfangs für die Krebstherapie gedacht, doch stellten Forscher fest, dass der Wirkstoff besser bestimmte Entzündungsprozesse stoppen kann. Neben Rheuma könnte Humira bald auch bei Darmentzündungen zum Einsatz kommen.

Ähnlich wie Abbott verstärken andere Pharmakonzerne die Forschung an bereits zugelassenen Mitteln: Astra Zeneca testet seinen neuen Cholesterinsenker Crestor auch für die Behandlung der Nervenkrankheit Multiple Sklerose testen. US-Konkurrent Pharmacia prüft den Einsatz des Schmerzmittels Celebrex in der Krebsbehandlung.

Viele Anbieter treiben mit Blick auf die bisher gemachten Erfahrungen die Entdeckung neuer Ansatzpunkte voran, die bei verschiedenen Krankheiten eine Rolle spielen. Der Konzentration auf bestimmte Therapiebereiche erteilen Berater und Manager aus der Branche immer häufiger eine Absage. "Eine Spezialisierung in der frühen Forschung macht keinen Sinn mehr", räumt Roche-Chef Franz Humer ein. "In dieser Phase kommt es darauf an, dass die Forscher-Gruppen über ihr Spezialgebiet hinausschauen."

Quelle: Handelsblatt

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