Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

21.02.2002

11:31 Uhr

Handelsblatt

Neue Chance für tief verschuldete Bürger

Für die mehr als 2,6 Mill. überschuldeten Haushalte in Deutschland gibt es eine neue Chance, endlich aus den Miesen herauszukommen. Der so genannte Verbraucherkonkurs für Privatleute wurde nachgebessert.

wiwo/ap FRANKFURT/MAIN. Bislang konnte dieses Verfahren nur den wenigsten aus der Pleite heraushelfen. Denn wem das Wasser schon bis zum Hals stand, der brauchte trotzdem erst einmal viel Geld - um das Gericht bezahlen zu können, das beim privaten Insolvenzverfahren hilft, den Schuldenberg abzuschütteln.

Dieses Paradoxon hat der Gesetzgeber Ende vergangenen Jahres abgeschafft. Nun gilt: Wer in großer Finanznot steckt, die bis zu 2 500 ? Verfahrenskosten aber nicht aufbringen kann, bekommt Prozesskostenhilfe vom Staat. Der Vorschuss wird den mittellosen Schuldnern gestundet. Erst wenn der Betroffene es geschafft hat, seine Miesen loszuwerden, muss er das Geld zurückzahlen. Und noch eine Erleichterung ist neu: Der steinige Weg heraus aus der Schuldenfalle wurde von bislang sieben auf sechs Jahre verkürzt. "Das sind schon große Verbesserungen", betont Heike Neck, Schuldnerberaterin der hessischen Verbraucherzentrale in Eschwege.

Jetzt erst, zwei Jahre nach Einführung der privaten Insolvenz, sei der Weg damit wirklich frei für überschuldete Bürger, in Konkurs zu gehen und die Restschulden Jahre später erlassen zu bekommen. "Ganz viele Leute waren tatsächlich zu arm, um Pleite zu gehen. Diese Hürde kann jetzt genommen werden", ermutigt die Beraterin zum Handeln. Nach ihrer Einschätzung sind die Nachbesserungen ein starker Anreiz für viele Betroffene, ihre chronische Finanzmisere mit Unterstützung der Gerichte endlich anzupacken. Auch die Bundesregierung rechnet mit einer Vervierfachung der bisherigen Verfahren, wie das ZDF-Ratgebermagazin "WISO" erläutert.

Wer den Überblick über seine Gläubiger längst verloren hat, Telefon, Strom, Wasserkosten und Kreditraten nicht mehr zahlen kann, sollte den Rettungsanker des Gesetzgebers unbedingt nutzen, empfiehlt Heike Neck. Die Beratungen sind kostenlos. Anlaufstellen sind unter anderem die Verbraucherzentralen und Wohlfahrtsverbände. Auch Rathäuser, Bezirks- und Gemeindeämter helfen weiter. Wartezeiten müssen einkalkuliert werden. Um private Beratungsstellen, die Gebühren verlangen, sollten Schuldner einen großen Bogen machen, raten Experten.

Viel Disziplin nötig

Auch wenn der Verfahrenseinstieg jetzt leichter zu nehmen ist, verlangt der Verbraucherkonkurs nach wie vor viel Durchhaltevermögen und Disziplin. "Wer sich darauf einlässt, ist auch verpflichtet, alles zu tun, damit die Sache Erfolg hat", betont Heike Neck. Und das ist hart: Sechs Jahre lang müssen Überschuldete mit Hilfe des Gerichts ihre gesamten pfändbaren Einkünfte an einen Treuhänder abtreten. Der verteilt das Geld an die verschiedenen Gläubiger. Das ganze, nicht lebensnotwendige Einkommen fließt also in dieser Zeit in die Schuldentilgung. Arbeitslose müssen sich um einen Job bemühen. Wer die sechsjährige "Wohlverhaltensperiode" schafft, wird vom Gericht schließlich für schuldenfrei erklärt. Er ist damit alle Restschulden los, egal, ob sie durch Autokauf, Ratenkredite oder Bürgschaft entstanden sind. Die roten Zahlen müssen nicht bis zum Lebensende mitgeschleppt werden.

Laufende Unterhaltszahlungen, Ordnungsgelder oder Schadenersatzverpflichtungen können allerdings auch bei einem Verbraucherkonkurs nicht abgeschüttelt werden. Ganz wichtig ist, am Anfang des Verfahrens mit Hilfe der Schuldnerberater einen Überblick über die Misere zu bekommen. Unterlagen müssen zusammengetragen, Mahnbescheide, Pfändungsprotokolle, Einkommensnachweise, Kreditverträge, Rechnungen herausgekramt werden. Dann muss mit den Gläubigern über Rückzahlungsangebote verhandelt werden. Manchmal kriegen die Betroffenen bereits in diesem Stadium ihre chronisch roten Zahlen in den Griff. Dann ist ein langwieriges Verfahren gar nicht mehr nötig.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×