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10.01.2003

07:00 Uhr

Neue Regulierungskommission übernimmt die Aufsicht über die Geldbranche

Peking treibt Bankenreform voran

VonMarkus Gärtner (Handelsblatt)

Chinas neue Führung macht die Banken zum Topthema ihrer Reformpolitik. Bis 2006 wird die Volksrepublik den Markt vollständig öffnen. Noch beherrschen die vier großen Staatsbanken drei Viertel des Kreditgeschäfts. Doch inländische Privatbanken und ausländische Institute werden verstärkt zugelassen.

PEKING. Erst im März wählt der chinesische Volkskongress Wen Jiabao zumNachfolger von Premier Zhu Rongji. Doch schon jetzt bastelt Wen an einer der weitreichendsten Reformen der vergangenen 20 Jahre. Dabei soll vor allem die Bankenreform forciert werden. Wen will einige Ministerien zusammenlegen und neue Regulierungsbehörden schaffen. Dazu gehört die China Banking Regulatory Commission, die dem Staatsrat, Chinas Kabinett, direkt untersteht. Die neue Kommission soll die Aufsicht über die Geldbranche übernehmen, damit die Notenbank sich wie in den westlichen Ländern ganz auf das Zinsregime und die Geldversorgung konzentrieren können. Die absehbare, aber noch nicht bestätigte Wahl des auch im Westen bekannten Bank of China-Präsidenten Liu Mingkangan an die Spitze der neuen Behörde unterstreicht die Bedeutung, die Chinas Regierung dem Reformwerk beimisst.

Die Banken gelten mit Problemkrediten von bis zu 50 % des Portfolios als Achillesferse des Reformwerks. Die Notenbank war immer in einem Dilemma, das die Reformen bremste. Denn mahnt die staatlichen Geschäftsbanken zu vorsichtigeren Ausleihungen, um das System zu stabilisieren, bremst so aber die Kreditvergabe und das Wachstum, das China braucht, um soziale Unruhen zu vermeiden. Chinas Banken ächzen unter einem Berg fauler Kredite, den der Asien-Chef von Goldman Sachs in Peking, Fred Hu, auf 373 Mrd. Dollar - rund 30% des BIP - schätzt. Standard & Poor?s berechnet für die Aufräumarbeiten 20 Jahre, falls die Reformen im aktuellen Tempo weiter gehen. Doch so viel Zeit hat China nicht. Bis 2006 wird die Volksrepublik den WTO-Zusagen folgen und den Bankenmarkt vollständig öffnen. Trotz günstiger Bedingungen wie dem hohen BIP-Wachstum von derzeit 8% könne man nicht darauf hoffen, dass Chinas Banken aus ihrem Problem herauswachsen, meint Hu. Ma Guonan, Volkswirt bei der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Hongkong, stimmt zu: "Wenn nicht schnell etwas zur fundamentalen Gesundung des Finanzsektors unternommen wird, droht ein Desaster."

An die Spitze der Notenbank rückt Zhou Xiaochuan auf, der bisherige Chef der Börsenaufsicht. Zhou gilt als einer der besten Finanzexperten Chinas und als aggressiver Reformer. Und die brauchen Chinas Banken, denen Regierung und Notenbank schon zwei Mal - 1998 und 1999 - mit insgesamt 200 Mrd. Dollar unter die Arme griffen. Zunächst mit einer Kapitalspritze, dann mit der Gründung von Vermögensverwaltungsfirmen, die aber deutlich weniger als 30 % der übernommenen Problemkredite wieder herein holen. "Es ist unvermeidbar", sagt Chen Xingdong, Chefvolkswirt bei BNP Paribas für China, "dass ein zweites Mal Problemkredite ausgegliedert werden." Denn sonst könnten die Staatsbanken nicht mit den Reformen Schritt halten.

Chinas vier große Staatsbanken, die Bank of China (BOC), die Agricultural Bank of China (ABC), China Construction Bank (CCB) sowie Industrial and Commercial Bank (ICBC) beherrschen drei Viertel des Kreditgeschäftes im Land. Doch sie haben zu viele Niederlassungen und Beschäftigte, große Korruptionssorgen und wegen massiver politischer Einmischung auch zu wenig Erfahrung mit der Beurteilung von Risiken. Daher werden regionale Banken stärker gefördert und ausländische Banken vermehrt zugelassen. Die Citibank ist dabei, 5 % der Shanghai Pudong Development Bank zu erwerben. Die britische HSBC, die immer noch 40 % ihres Geschäftes in Hongkong macht und zu den aggressivsten Auslandsbanken in China gehört, erwarb in den vergangenen zwei Jahren 8 % an der Bank of Shanghai und 10 % am Versicherer Ping An.

Ende 2002 erhielt die Bausparkasse Schwäbisch Hall grünes Licht für das erste chinesisch-ausländische BankenJoint Venture in der Hafenstadt Tianjin. In Kürze sollen zehn Privatbanken in Guangdong, Jiangsu, Zhejiang und Liaoning zugelassen werden. China hat bereits fünf börsengehandelte Banken, darunter die recht erfolgreiche Minsheng Bank, deren Problemkredite unter 3% und damit acht Mal niedriger sein sollen als die der großen Staatsbanken. Die Minsheng Bank hat vier bis fünf Mal so große Gewinnspannen wie ihre staatliche Konkurrenz. Die 1996 gegründete Bank mit 4000 Beschäftigten und 126 Zweigstellen will in der ersten Hälfte 2004 Aktien in Hongkong und New York ausgeben. Für die ersten neun Monate 2002 wies sie einen Nettogewinn von 660 Mill. Yuan, etwa 83 Mill Euro, aus.

Während Chinas Staatsbanken erst jetzt modernes Kreditmanagement und interne Kontrollen organisieren und Kredite nicht mehr nur an Staatsfirmen, sondern auch an die boomende Privatindustrie vergeben, zeigen sich bereits erste Konflikte zwischen lokalen und ausländischen Banken. Sie lassen ahnen, was nach der Öffnung des Marktes 2006 droht. Das Kreditkartengeschäft, das erst 0,1 % zu den Erträgen beisteuert, beginnt zu explodieren. Auch die Online-Geschäfte boomen. Die ICBC meldet für 2002 einen Online-Umsatz von 602 Mrd. Dollar, ein Zuwachs von satten 780 %. Doch die 1,3 Mrd. Chinesen hatten 2002 erst 1,7 Mill. Online-Konten angemeldet.

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