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16.04.2003

06:30 Uhr

Neue Richtlinien der Börsenaufsicht zeigen Wirkung

US-Firmen krempeln nach Skandalen ihre Führung um

VonTORSTEN RIEKE

Zwei Jahre nach dem Enron-Skandal hat sich die Welt für Manager in den USA radikal verändert. Nicht mehr die nächste Übernahme steht im Fokus, sondern die Unternehmensführung.

NEW YORK. Die Hauptversammlung des amerikanischen Mischkonzerns Tyco glich bisher einem SED-Parteitag: Der Chef spricht, der Rest nickt. In diesem Jahr nahmen aufgebrachte Aktionäre das Management des skandalumwitterten Unternehmens ins Kreuzverhör.

Im vergangenen Jahr boxte Carly Fiorina, Chefin des Technologieanbieters Hewlett-Packard, gegen den Widerstand vieler Aktionäre den Kauf des Konkurrenten Compaq durch. Auf dem diesjährigen Treffen erzwangen Investoren gegen Fiorinas Willen, dass die Anteilseigner gefragt werden müssen, bevor das Management eine feindliche Übernahme abwehrt. Zwei Beispiele, die zeigen, wie sehr sich das Umfeld für US-Unternehmen in den vergangenen zwei Jahren verändert hat.

Nicht der Irak-Krieg, die Terrorgefahren oder die Konjunkturschwäche halten die US-Manager am meisten in Atem. Den größten Teil ihrer Aufmerksamkeit widmen sie den neuen Anforderungen an die Unternehmensführung. Nach einer Untersuchung der "Financial Times" trafen sich die Bilanzausschüsse der größten US-Firmen im vergangenen Jahr deutlich öfter als zuvor. Nach den Bilanzskandalen von Enron, Worldcom & Co. arbeiten die Manager an ihren Hausaufgaben.

Gerade die Großinvestoren machen den Verantwortlichen Dampf. Der größte US-Pensionsfonds Calpers hat gerade sechs Konzerne auf eine schwarze Liste für mangelhafte Führung gesetzt. Darunter sind bekannte Namen wie der Kopiererhersteller Xerox und der Telekomausrüster JDS Uniphase. "Es ist Zeit für Xerox, neues Blut in die Führung zu bringen", sagt Caplers Board Präsident Sean Harrigan. Es sei bestürzend, dass die Direktoren, die Xerox während seines Bilanzskandals beaufsichtigt hätten, noch im Amt seien. Xerox-Chefin Anne Mulcahy wies die Kritik als "unangemessen" zurück.

Den Anstoß für die Reformen gab das so genannten Sarbanes- Oxley-Gesetz, das der US-Kongress im vergangenen Jahr verabschiedet hat. Darin wird nicht nur die Bilanzaufsicht völlig neu geregelt, sondern es werden auch strenge Anforderungen an die Qualität, Transparenz und Unabhängigkeit der Unternehmensführung gestellt.

Für die Umsetzung der neuen Richtlinien ist die US-Börsenaufsicht Securities and Exchange Commission (SEC) verantwortlich. Der neue SEC-Chef William Donaldson hat die Zügel gleich nach seinem Amtsantritt gestrafft und die Stellung der Bilanzausschüsse in den Unternehmen gestärkt. "Wir sollten klare Regeln für mehr Unabhängigkeit (in der Führung) suchen, ohne zu rigide zu sein", beschreibt der SEC-Chef seine Philosophie.

Jeff Henley, Finanzchef des Softwareanbieters Oracle, bezweifelt jedoch, dass den Behörden diese Gratwanderung gelingt. "Es gab eine Blase und jetzt gibt es eine Überreaktion", sagte er kürzlich in einem Interview. Einige der neuen Regelungen seien zu "bürokratisch". Die größten Auswirkungen für seine Arbeit erwartet der Manager unter anderem von der Zertifizierung der eigenen Bücher. "Das erfordert eine sehr umfassende Untersuchung", sagte Henley. Als Finanzvorstand habe er zwar schon immer für die Richtigkeit der Bilanz gerade stehen müssen. "Jetzt muss auch der Konzernchef mehr Zeit darauf verwenden, und er stellt mehr Fragen." Henley glaubt aber, dass trotz seiner Bedenken "etwas Gutes" aus den Reformen entstehen wird.

Skeptischer sind die Risikomanager vieler Unternehmen. Nach einer Umfrage der Allianz Global Risk glaubt noch ein Drittel, dass das neue Gesetz die Regelverstöße an der Unternehmensspitze nicht stoppen wird. Der Großinvestor Warren Buffet, schließt sich an: Er hält die Aufsicht immer noch für viel zu lax.

Der jüngste Bilanzskandal bei dem Klinikbetreiber Healthsouth bestätigt diese Vermutung. Das US-Justizministerium hält die Gefahr neuer Skandale ebenfalls nicht für gebannt und hat deshalb seine strafrechtlichen Untersuchungen verstärkt. So sind häufig Staatsanwälte und die Bundespolizei FBI dabei, wenn die SEC verdächtige Manager in die Mangel nimmt.

"Wir glauben nicht, dass ein Gesetz ein gutes Risiko-Management ersetzen kann", sagt Brian Gauen, Vizepräsident von Allianz Global Risk in den USA. Die Qualität der Unternehmensführung habe außerdem Auswirkungen auf das Angebot und den Preis für Manager-Versicherungen (D&O Insurance). Deren Prämien sind rapide gestiegen, nachdem die Manager jetzt stärker persönlich für Missbräuche in den Firmen zur Verantwortung gezogen werden können.

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